Die Widerstandskämpferin Anna Hanika kümmerte sich nach ihrer Haft rührend um die Kinder anderer Patrioten. - © privat
Die Widerstandskämpferin Anna Hanika kümmerte sich nach ihrer Haft rührend um die Kinder anderer Patrioten. - © privat

Mein Vater Dr. Jakob Kastelic war Jurist und politisch fest im Katholizismus verankert. Er erkannte das wahre Gesicht des Nationalsozialismus und konnte dies nicht einfach hinnehmen. Er beschloss, eine Widerstandsgruppe zu gründen, die sich "Großösterreichische Freiheitsbewegung" nannte. Fritz Molden beschrieb meinen Vater so: "...mittelgroß, mit markantem Kopf, grau melierten Haaren und gütigen blauen Augen, war eine äußerst tatkräftige und zielbewusste Persönlichkeit."

Burgschauspieler Otto Hartmann verriet die Widerstandsgruppe bereits 1940, wie die mit ihr in Verbindung stehende "Österreichische Freiheitsbewegung" des Dr. Karl Lederer und jene rund um den Klosterneuburger Chorherrn Karl Roman Scholz. Am 25. Jänner 1941 starb meine Mutter, mein Vater konnte sie kurz vor ihrem Tod besuchen. Meinem Vater wurde es verboten, am Begräbnis teilzunehmen. Es war ihm nur erlaubt, vor dem Begräbnis in der Aufbahrungshalle - in Handschellen, bewacht von zwei Justizbeamten - von ihr Abschied zu nehmen.

Mir wurde erzählt, dass einen Tag vor seiner Hinrichtung mein Vater mich durch die offene Tür des Sprechzimmers sehen konnte. Ich war damals ein Kleinkind. Meine Pflegemutter Anna Hanika hatte mich mitgenommen.

Aus dem berührenden Abschiedsbrief meines Vaters: "Hütet mir meine Lieblinge, erzieht sie zu aufrechten, guten Menschen. Innigsten Dank für alle Liebe und Güte! Mutterls Lebensabend gestaltet schön! Bewahrt sie vor der schrecklichen Nachricht meines dergestaltigen Todes! Sie soll in schönem Bild zu mir in die Ewigkeit kommen. Mit innigster Dankbarkeit gehe ich gestärkt mit den Gnadenmitteln in die Ewigkeit." Am 2. August 1944 wurde mein Vater in Wien hingerichtet. Sein Leichnam wurde nach Kriegsende in der Anatomie gefunden. Er wurde in Penzing beigesetzt.

Anna Hanika war selbst im Widerstand und bis 1943 in Haft. Sie erfuhr vom Tod meiner Mutter und der Inhaftierung meines Vaters. Nach ihrer Entlassung erklärte sie sich sofort bereit, mich zu sich zu nehmen, ob zwar dies von der Gestapo nicht erlaubt war. Nach dem Tod meiner Tante wurde sie Vormund meines älteren Bruders und von mir. Sie kümmerte sich wie eine gute Mutter um uns und ermöglichte uns eine gute Schulausbildung. Mein Bruder und ich konnten schließlich unser Doktorat in Jus erreichen. Anna Hanika hat ihre letzte Ruhestätte im Grab der Familie Kastelic. Ich bin ihr für alles Gute dankbar, das sie für meinen Bruder und mich getan hat. Der Verein "Zur Erinnerung" hat ein virtuelles Porträt meines Vaters wie auch für über 600 von der NS-Justiz ermordeten WiderstandskämpferInnen geschaffen: https://zurerinnerung.at/gruppe40/

KommR Dr. Gerhard Kastelic, Vorstandsdirektor i.R.,

1230 Wien