Die Orgel der Karmeliterkirche brauchte Muskelkraft. - © P. Gugerell
Die Orgel der Karmeliterkirche brauchte Muskelkraft. - © P. Gugerell

Anfang der 50er Jahre: In der Karmeliterkirche in Wien-Leopoldstadt gab es das Ewige Licht. Dem galt meine besondere Sorge, was wäre denn, wenn dieses Licht ausgehen würde? Ist dann der Jüngste Tag gekommen? Manchmal ging ich nur deswegen in die Kirche, um zu prüfen, ob das Ewige Licht noch leuchten würde.

Dann gab es da noch die Orgel. Die hatte einen Blasebalg, dieser musste für das Orgelspiel mit Luft gefüllt werden. Dies musste Anfang der 50er Jahre mittels Körperkraft geschehen, eine elektrische Unterstützung gab es damals nicht. Für einmal zu einer Messe "Orgel treten" gab es 50 Groschen, umgerechnet heutige ca. 3,5 Cents. Für diese 50 Groschen konnten wir uns immerhin ein Glas Sodawasser im Prater nach dem Fußballspiel leisten.

Für das "Orgel treten" gab es einen kleinen Raum mit einem großen Brett, welches aus der Wand ragte, um darauf steigend Luft für die Orgel zu pumpen. Dann ging das Brett wieder hoch und man konnte wieder darauf steigen oder darauf hüpfen.

Dazu gab es einen Zeiger an der Wand, der den Stand des Luftdrucks anzeigte. Eine Markierung zeigte, wenn es kritisch wurde und es zu wenig Luft gab. Meistens waren wir zu zweit und beobachteten den Zeiger. Manchmal bauten wir für uns eine Spannung auf, wann wird jetzt die Luft ausgehen? Die Orgel macht dann einmal nur noch ÖÖÖööööö . . ., der Organist rief "Treten, treten!", aber wir waren ohnedies bereits am Sprung und traten das Brett, bis der Zeiger wieder ganz oben war.

Es gab da noch einen jungen, netten Organisten, bei dem ist nie die Luft zu wenig geworden. Der gab uns nämlich immer vorher und nachher Zuckerln. So lernten wir früh die Grundlagen der freien Marktwirtschaft kennen.

Peter Jürß (Jg. 1943),

Pensionist,

1160 Wien