Ehemalige Tötungsanstalt in Hartheim: Tausende Opfer des NS-Regimes wurden hier ermordet. - © Franz Neumayr/Picturedesk.com
Ehemalige Tötungsanstalt in Hartheim: Tausende Opfer des NS-Regimes wurden hier ermordet. - © Franz Neumayr/Picturedesk.com

Gleich nach der Nazizeit und nach dem Krieg sah man sie wieder: diese Gestalt, dieses Wesen, das weder nach Mann noch Frau aussah, eingehüllt bis über den Kopf hinauf, nur mit freiem Gesicht, in Decken, liegend in einer Art selbst gebasteltem fahrenden Liegestuhl, der von ihrer alten Mutter geschoben wurde. Weder reden konnte dieses Wesen, noch etwas wirklich verstehen, gehen natürlich sowieso nicht; eigentlich war dieser Mensch ein amorphes Wesen, vor wenigen Wochen noch hätte man dieses Bündel Mensch als lebensunwertes Leben bezeichnet und dem Gnadentod, das heißt der Entsorgung durch Giftgas in der Tötungsanstalt Hartheim in Oberösterreich oder anderswo zugeführt; so wie es mit vielen tausenden solcher Menschen geschah.

Ich erinnere mich, dass ich dieses bezüglich seines Alters undefinierbare Wesen einmal, als der Liegefahrstuhl vor einem Geschäft stand und die Apothekerin im Geschäft einkaufen war, genauer betrachtet hatte. Das Gesicht war ausdruckslos, nichts reagierte auf einen Reiz von außen. Das Zucken kam vom Innern dieses Wesens heraus; aus welchen Gründen, war sicher völlig unklar.

Ich sah nur den Speichel aus den Mundwinkeln rinnen, den jetzt die Frau Mutter nicht abwischen konnte; und mir ekelte davor. Nicht nur vor dem Speichel, sondern vor dieser ganzen Erscheinung; vor dieser Missgeburt, wie man das nannte. Ich dachte mir aber dabei weiter nichts, auch nicht über die Bezeichnung; diese und das Vorhandene war für mich zwar außergewöhnlich, aber andererseits wieder völlig normal. Ich wusste ja, wer das Wesen war, nämlich das Kind des morphiumsüchtigen Apothekers und seiner Frau. Und dass er ein schon sehr früher, also ein illegaler Nazi gewesen war. Das rettete auch sein Kind, das rettete diesem Wesen sein Leben. Denn man "vergaß" dieses Geschöpf ganz einfach, führte es nicht dem sonst gewohnten Gang in die Euthanasie zu, registrierte es nicht für einen Abtransport - so wie andere aus dem Ort -, sondern ignorierte von oben herab das Vorhandensein dieses lebensunwerten Lebens. Es fiel ja niemanden - außer der Apothekersfrau - zur Last, denn versteckt war es die ganze Nazizeit sowieso im Apothekerhaus. Und die Mutter betreute ihre mittlerweile längst erwachsene Tochter aufopfernd, nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern wie mir schien, auch aus Liebe.

Jedenfalls sah das nach dem Krieg so aus, als man die beiden im Ort wieder wahrnehmen konnte und sie ein Bestandteil des Ortsgeschehens waren. Der Apotheker lebte längst nicht mehr. Was mit ihm geschehen war, wusste ich nicht. Ob er infolge der Morphiumsucht oder sonstwie verstorben war oder sogar woanders, möglicherweise unter anderem Namen, lebte, war unbekannt. Es interessierte auch niemand und es wurde darüber nicht gesprochen. Nur manchmal hörte man eine fast bemitleidende Stimme im Zusammenhang mit diesem menschenähnlichen Wesen. Dann hieß es: "Es wäre doch besser gewesen, wenn . . ." Aber der Satz wurde nicht beendet. Es wurde nicht ausgesprochen, was man dachte.

Der Satz aber bewies, dass man nicht nur später, sondern bereits damals wusste, wovon man sprach: von der Ermordung abertausender Menschen - Männer, Frauen, Kinder - als lebensunwertes Leben. Und man nannte das damals und später mit dem beschönigendem, die Wahrheit völlig missachtenden und sie verleugnenden Wort Euthanasie. Diese Bezeichnung hatte einen Wohlklang, ganz anders als die Realität für diese Menschen in Wirklichkeit war.

Prof. Peter Paul Wiplinger,

Schriftsteller (Jg. 1939),

1030 Wien