Otto Habsburg, Sohn des letzten Kaisers von Österreich, der sich als Deutscher weiter mit dem Adelsprädikat "von" schmücken durfte. - © ullstein bild - Teutopress
Otto Habsburg, Sohn des letzten Kaisers von Österreich, der sich als Deutscher weiter mit dem Adelsprädikat "von" schmücken durfte. - © ullstein bild - Teutopress

Wenn ich von 1946 bis 1949 auf dem Marsch zu meiner Mittelschule in Graz über die Keplerbrücke vom rechten auf das linke Murufer wechselte, fiel mein Auge auf eine Ziegelmauer am Fuße des Schlossbergs, auf der einmal, in großen weißen Buchstaben gemalt, "OTTO HEREIN" stand, ein paar Tage oder Wochen später, "OTTO HINAUS", dann wieder "...HEREIN", weithin sichtbar: Wenn ich mich recht erinnere, in jahrelangem Wechselspiel und bis in die frühen 50er Jahre.

Gemeint war, von Befürwortern, dann wieder Gegnern, Otto von Habsburg, der "Kaisersohn", der gesetzlich Einreiseverbot hatte, damals abwechselnd in Frankreich und in Spanien lebte, ab 1954 bis zu seinem Tod 2011 in Pöcking am Starnbergersee, von wo er im Auto binnen ein bis zwei Stunden die österreichische Grenze erreichen hätte können.

Er rechnete damals mit einem nahen Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur in Ostmittel- und Südosteuropa, dann würde man ihn bei den dortigen Völkern als Retter aus großer Not begrüßen und auch die Österreicher wären wohl stolz, wieder an die Spitze einer wiedergeborenen Großmacht zu gelangen.

Diese Idee fand Anklang auch in akademischen Kreisen der 1933 gegründeten, 1938 bis 1945 verbotenen und verfolgten, dann wiederhergestellten "Katholisch-österreichischen Landsmannschaften", die sich vom CV nur in einem Punkt unterschieden: der Hoffnung und Zielsetzung einer monarchischen Restauration. Diese farbentragenden studentischen Verbindungen nannten Otto vorsichtig nicht "Thronanwärter" oder "Thronfolger", sondern nur "oberster Bandinhaber", wenngleich sie ihn in persönlicher Begegnung mit "Kaiserliche Hoheit" ansprachen - und ihre "Chargen" pilgerten oft nach Pöcking.

Diese romantische Vorstellung bestand bis zum Staatsvertrag 1955, nach der die Staatsform der Republik in Österreich sich festigte, und bis zum Ungarnaufstand gegen Ende 1956, nach deren gewaltsamer Niederwerfung es klar war, dass der Kommunismus nicht so leicht abzuschütteln war.

Allmählich erkannte auch Otto die Aussichtslosigkeit seines Strebens nach dem Thron seiner Vorfahren und setzte fortan auf das Ideal eines vereinten Europas nach dem Muster der multinationalen Habsburgermonarchie, er wurde zum führenden Kopf der vom Grafen Nikolaus von Coudenhove-Kalergi begründeten "Paneuropäischen Bewegung".

In Österreich selber festigte sich das republikanische Ideal durch die erstmalige Volkswahl eines Bundespräsidenten im Mai 1957, des Wiener Nachkriegs-Bürgermeisters Theodor Körner, der selber in jüngeren Jahren k.u.k. General gewesen war.

Dr. Franz Rader (Jg. 1931),

Diplomat i. R.,

1070 Wien