- © picturedesk.com/Erich Lessing
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1955 stand ich 19-Jährige unten links vor der Stiege im Garten des Belvedere. Es war eng und die Erwartung der Ankündigung von oben, dass Österreich endlich wieder frei sei, war ansteckend. Natürlich hat es damals weder große Leinwände noch starke Lautsprecher gegeben, aber wir wollten dennoch alle dabei gewesen sein, bei diesem großen schönen historischen Augenblick. Dann sind sie endlich oben auf den Balkon gekommen, die Alliierten und unsere österreichischen Politiker, vor allem Außenminister Leopold Figl, Vater meiner Schulkollegin Annelies. Ich kannte ihn gut und schätze ihn bis heute.

Zur 50-Jahr-Feier des Staatsvertrags 2005 bin ich wieder ins Belvedere gegangen. Jetzt war alles anders. Auf einer riesengroßen Leinwand konnte man alles sehen, was oben los war, und gehört hat man natürlich auch alles, was die Moderatorin, meine Nachbarin Ines Gschwandtner, berichtete. Dann ging ich von meinem Standpunkt von 1955 hinauf zum Oberen Belvedere. Ein Standl nach dem anderen bot Würstl, Langos, Cevapcici, Säfte, Bier, Mineralwasser und Wein an. Dann ist mir aufgefallen, dass an den Standln wenig Deutsch gesprochen wurde, dafür Serbo-Kroatisch, Slowenisch, Polnisch, Ungarisch und Russisch. Eine polnische Frau hat mir erklärt: "Wir haben hier eine neue Heimat bekommen, wir sind gekommen, um uns zu bedanken."

Irene Montjoye (Jg. 1935),

Autorin,

1030 Wien