Eine jüdische Heimkehr 1947: die Familie Gamliel. - © privat
Eine jüdische Heimkehr 1947: die Familie Gamliel. - © privat

1945 kam meine Mutter Dorothea Gamliel nach sieben Jahren aus Jugoslawien zurück, wohin sie als Jüdin mit Eltern und Geschwistern vor Hitlers Gehilfen geflohen war. Mit ihren Kleinkindern, meiner Schwester Erika (2) und mir (4), gelangte sie über die Umwege Graz und Ried im Innkreis ins zerbombte Wien. Sie besaß dabei nicht ein einziges Dokument.

Die israelitische Kultusgemeinde, an die sie sich wandte, wies uns ein Zimmer im Obdachlosenheim in der Tempelgasse zu. Die Bewohner setzten sich aus jüdischen KZ-Überlebenden und Juden zusammen, die damals aus ihren Verstecken kamen.

Die Zimmer waren klein, ohne Heizung und Wasseranschluss. In jedem Stock gab es zwei Klosetts und eine kleine Gemeinschaftsküche. Mutter lernte 1947 im Heim einen Emigranten kennen, der von Wien nach Russland geflohen und nach zehn Jahren in Sibirien zurückgekommen war. 1951 heirateten sie und wir hausten zu viert in einem Raum.

Im Heim gab es einen andauernden Wechsel. Konnten es welche verlassen, zogen andere ein. Mehr als sechs Kinder zur gleichen Zeit gab es nie, ebenso keinerlei Spielzeug. Mit einem "Fetzenlaberl" spielten wir Heimbuben gegen Burschen aus angrenzenden Häusern. Unter uns Heimbuben war einer, der den zusammengenähten Ball so zu spielen beherrschte, wie Herbert Prohaska es später mit echten Bällen konnte. Dieser Bub machte es möglich, dass wir fast immer siegreich waren. Die Gegenspieler akzeptierten das, doch einer war darunter, der mich mehrmals "Saujud" beschimpfte und dann sofort davonrannte. Ich lief immer hinterher und konnte ihm, ehe er seine Wohnung erreichte, einen Tritt in den Hintern versetzen.

Aus verschiedenen Gründen wurde meiner Mutter erst 1953 eine Gemeindewohnung zugewiesen. Somit waren wir die Familie, die am längsten in einem der beschriebenen Zimmer hausen musste. Als ich diese Wohnung zum ersten Mal betrat, konnte ich mir nicht und nicht vorstellen, was man darin unterbringen sollte. Bislang hatte doch alles, was wir besaßen, in einem einzigen Raum Platz gehabt.

Hans Gamliel (Jg. 1940),

Pensionist,

CH-9400 Rorschach