Als im Februar des Jahres 1934 der unselige österreichische Bruderkrieg ausbrach, war ich viereinhalb Jahre alt. Aber trotz dieses frühkindlichen Alters sind einige Details unvergesslich in meiner Erinnerung haften geblieben.

Am 12. Februar ging ich Hand in Hand mit meiner lieben Mutter - sie war damals 28 Jahre alt - auf dem Margaretengürtel spazieren, und zwar auf der Höhe des sogenannten Reumann-Hofes, der so wie viele andere Bauten in dieser Gegend von der in der Errichtung von Wohnraum sehr engagierten Gemeinde Wien aus den Mitteln der Wohnbausteuer gestaltet worden war. Plötzlich und ohne jede Vorwarnung ertönten knatternde Gewehrschüsse und von der Fassade des Wohnhofes erklangen die Geräusche gedämpfter Einschläge. Ich als Knirps hatte keine Ahnung von dem, was hier eigentlich vor sich ging, aber meine Mutter riss mich beim Arm und schrie mit sich überschlagender Stimme nur: ,,Lauf!" So lief ich mit ihr, so schnell mich meine Beinchen trugen, in unsere nahe Wohnung zurück, wo wir uns verschanzten und von Zeit zu Zeit voll Angst einen Blick durch die geschlossenen Fensterscheiben wagten.

Von diesem Tage an ging ein abgrundtiefer Riss durch die österreichische Gesellschaft. Und ich glaube, dass sich diese Kluft erst wirklich schloss, als sich die in den Konzentrationslagern der Nazis inhaftierten Protagonisten der demokratischen österreichischen Parteien, der Sozialdemokraten und der Christlich-Sozialen, zu dem gemeinsamen Gelöbnis zusammenfanden: "Nie wieder Bruderkrieg! Immer gemeinsam für unser geliebtes Heimatland Österreich."

Dkfm. Eduard Musil (Jg. 1929),

Tischlermeister i. R.,

1190 Wien