Amalia Stotz mit Sohn Günther in der "Gruabm" im Sommer 1952. - © privat
Amalia Stotz mit Sohn Günther in der "Gruabm" im Sommer 1952. - © privat

Ich wurde 1949 in Klagenfurt geboren. Damals war Kärnten von den Briten besetzt. Der Kinderhort, in dem ich ab dem Alter von drei Jahren betreut wurde, befand sich "auf der Hadn" (Heide) in einem Barackenlager, das von den Besatzungssoldaten erbaut worden war. Man sah an der Außenfront aufgemalte Embleme dieser Einheit. Die großen, langgestreckten Gebäude wurden erst Jahrzehnte später abgerissen. Dort befand sich auch die Volksschule, die ich später besuchte. Vom zweiten Tag an ging ich alleine zum Hort und nach Hause. Am Weg lag ein Rübenacker, für einen hungrigen Buben eine willkommene Vitaminzufuhr. Die frischen Rüben zog ich aus dem Boden, sie wurden am Gras abgewischt, mit den Zähnen abgeschält und mit Genuss verzehrt.

In den anderen Baracken wohnten Menschen, die keine andere Bleibe hatten, - Ausgebombte, Vertriebene oder Flüchtlinge. Die Briten wohnten nicht mehr im "Lager", wie die Ansiedlung genannt wurde, kamen jedoch regelmäßig, mindestens zweimal die Woche zu Besuch. Die Leiterin des Kindergartens hieß Fräulein Schön und war eine sehr attraktive junge Frau, mit gelockten, langen, schwarzen Haaren. Sie war wirklich eine Schönheit. Darauf waren wir Buben sehr stolz. Der englische Kommandant vor Ort machte ihr den Hof und fuhr stets mit ganzer Kompanie vor. Während seiner Stelldicheins im Büro von Fräulein Schön spielten die Soldaten in ihren braunen Uniformen mit uns Buben Fußball. Sie und wir hatten großen Spaß daran, es wurde viel gelacht. Ich erinnere mich, wie lustig es war, zwischen den Beinen der großen Kerle den Ball wegzudribbeln.

Natürlich rätselten wir Buben darüber, was Fräulein Schön wohl mit dem Offizier im Büro tat, das dann stets versperrt war. Wir Kinder erhielten bei dieser Gelegenheit Kaugummi, Süßigkeiten und Schokolade. Oftmals gab es zur Jause den orangefarbenen Cheddarkäse, der so scharf war, dass er auf der Zunge brannte. Er kam in großen, grünen Metallbüchsen, die umständlich geöffnet werden mussten, was für uns immer eine spannende Show war.

Ebenso gab es englische Würfelspiele, ich erinnere mich an "Snakes and Ladders", das wir gerne spielten. Auch die Kinderbücher waren beliebt, mein Favorit war "Little Toots", eine Bildergeschichte über ein kleines Fährschifflein, das die großen Dampfer in den Hafen bzw. wieder herausschleppte. Das war natürlich für uns Landkinder sehr exotisch, da wir noch nie einen Hafen, das Meer oder Schiffe gesehen hatten.

Unweit meines Elternhauses befand sich "die Gruabm" (Grube), ein riesiges, tiefes Loch in einem Feld im Ausmaß von einem halben Quadratkilometer. Das war ein Spielparadies für uns Kinder. Es gab Büsche und Pfützen, Löcher, Gräben und Verstecke zuhauf. Im Sommer jagten wir hier Smaragdeidechsen, die wir "Aukas" nannten, im Winter fuhren wir auf den Abhängen Ski oder sausten mit Schlitten in die Tiefe. Die Engländer benützten die Grube als Schuttabladeplatz, entsorgten darin alles Mögliche, Waffenteile, kaputte Maschinen, Kriegsrelikte und beschlagnahmtes Zeug ohne Ende. Was haben wir da in Nazi-Liederbüchern geschmökert, uns mit Orden und Knöpfen geschmückt, ohne zu wissen, was es mit all dem Zeug auf sich hatte.

Von älteren Buben lernten wir, wie man über Feuer die Gummihaut von Kupferdrähten schmilzt, die wir aus den Geräten herauszogen. Ein kinderhandgroßer Klumpen brachte immerhin 5 Schilling beim Alteisenhändler Tomasi ums Eck. Wir Kinder hatten immer Geld für Schleckereien und Eis. Die Grube war leider nach einiger Zeit völlig zugeschüttet, heute stehen Häuser darauf. Die Aukas sind alle verschwunden.

Günther Stotz (Jg. 1949),

Pensionist,

9311 Kraig