Bruno Kreisky. - © Imagno/Nora Schuster
Bruno Kreisky. - © Imagno/Nora Schuster

Österreichs Langzeitkanzler war prägend für eine ganze Generation. Viele hüten deshalb ihre persönlichen Kreisky-Anekdoten. So auch ich. Die erste ist etwas einseitig: Als 19-jähriger Student habe ich Kreisky 1966 brieflich vorgeschlagen, eine parteinahe, linksliberale Qualitätszeitung zu gründen. Viele hofften damals auf eine erneuerte SPÖ unter Kreisky. Andere hielten dies für aussichtslos - nicht zuletzt wegen des heimischen Rest-Antisemitismus. Der Brief blieb unbeantwortet.

Zweite Annäherung: Als Jusstudent interessierte ich mich für Studentenpolitik. Der VSStÖ wurde damals leistungsfeindlich, ich schloss mich daher der linksliberalen "Aktion" an. Kreisky schien interessiert, neben seinem aufmüpfigen VSStÖ auch eine gemäßigte Gruppe zu fördern. Bei Sitzungen in der Löwelstraße erlebte ich staunend, wie der Spitzenpolitiker uns junge "Niemande" in jovialster Weise hofierte ("Wollt’s Zigaretten?"). Aus der Sache wurde übrigens nichts. Kreisky versöhnte sich mit "seinem" VSStÖ und die Leute der "Aktion" widmeten sich ihren Studien.

Dritte Annäherung: Der "Sonnenkönig" dominierte, aber sein Glanz bekam Risse. Parteifreunde wurden öffentlich abgekanzelt. Ein Mitarbeiter der "AZ" erzählte mir: "Unsere alten Abonnenten sterben und wir kriegen keine neuen." Noch kam der Nostalgieeffekt dem kranken aber immer noch brillanten Kanzler zugute. Kreisky lancierte 1977 die Idee des Austro-Porsche. Manchen stiegen dabei "die Grausbirnen auf". Das war ja zu einem Zeitpunkt, da kleinere Marken wie etwa Saab aufgeben mussten. Ich schrieb damals einen kritischen "AZ"-Artikel und einen Brief an den Kanzler - und erhielt eine "grantlerische", aber kompetente Antwort: Er meinte, dass aufgrund der p.r. um die Idee große ausländische Unternehmen Teilproduktionen in Österreich ansiedeln würden. Er scheint recht behalten zu haben.

Meine letzten Begegnungen mit Kreisky hatten etwas Skurriles: Wir durften mit dem Altkanzler zu viert ein Gespräch über Austro-Keynesianismus führen. Es war aber de facto unmöglich, Fragen zu stellen. Kreisky monologisierte. Am Ende lud er uns ein, ihn im Kurhotel in Gösing zu besuchen. Dies geschah im Sommer 1986. Kreisky war sichtlich leidend, so konnte man wenigstens Zwischenfragen stellen. Nun wirkte er wie der "alte Weise vom Berge". Von der Anti-Waldheim-Hysterie hielt er nichts. Und fügte hinzu: "Dorsey wird nicht schweigen." Das wird vielleicht einmal tiefgründiger diskutiert werden.

Diejenigen, für die Kreisky Hoffnungsträger war, sind mittlerweile selbst Alte geworden. Einen uralten Zeitgenossen habe ich im Radiocafé zu Kreisky befragt. Ich bat den Interviewten, Otto Habsburg, um seine Meinung zu zwei Kanzlern: Kurt Schuschnigg und Kreisky. Habsburg äußerte sich freundlich: Schuschnigg sei "ein anständiger Mensch" gewesen, aber "sehr verhemmt". Zu Kreisky meinte er, das sei "einer, dessen Horizont über Österreich hinaus reichte - Sie wissen ja, die Familie kam aus Böhmen."

Wenn ich an Bruno Kreisky denke, denke ich an ein halbdunkles Zimmer in der Löwelstraße und einen Spruch des Dichters Horaz an der Wand: "Den Gleichmut wahre dir mitten im Ungemach, den Gleichmut wahre dir, lächelt dir hold das Glück."

Robert Schediwy,

Kulturpublizist (Jg. 1947),

1140 Wien