Der russische "Herr Oberst", der 1945 bei uns Quartier bezogen hatte, war ein gebildeter und hochanständiger Herr, wie Vater sagte. Er war vor dem Krieg ein Professor gewesen, für deutsche Literatur. Er sprach fließend Deutsch und deklamierte auswendig Gedichte von Goethe, Schiller und sogar Rilke.

Der Oberst war kein Mann des Krieges. Er hatte bestes Benehmen, war sehr höflich und zuvorkommend. Er verlangte nicht etwas, er bat darum. Sein Lächeln war freundlich, vor allem zu uns Kindern.

Auch der junge Aljoscha, noch keine zwanzig Jahre alt, war ein liebenswerter Bursch. Er schlief manchmal vor meinem Bett auf dem Boden. "Er passt auf dich auf", sagte man mir. Ich durfte auch seine Soldatenmütze aufsetzen. Manchmal brachte er mir Süßigkeiten, obwohl die einfachen Soldaten selbst nichts hatten, kaum etwas zum Essen; nur schlechtes, eigenartig riechendes, gelbliches Brot. An den kleinen Nikola erinnere ich mich auch noch. Er bügelte fast jeden Tag seine dunkelblaue Hose, bis sie glänzte wie Damast. Aber auch Sergej habe ich nicht vergessen, den "schlimmen Sergej", wie unsere Köchin schimpfte, weil der, wo er nur konnte, sich betrank, dann randalierte und gefährlich und unberechenbar wurde.

Unberechenbar waren die Russen. "Bei denen schlägt die Stimmung um wie das Wetter", sagte man. Dann konnte es gefährlich werden und man verschwand am besten, so schnell es ging. Streiten durfte man nicht mit ihnen; das konnten sie nicht leiden. "Sie lassen uns schon spüren, dass sie den Krieg gewonnen haben", sagten manche. Aber vielleicht war die Wahrheit doch nicht so einfach und diese Erklärung nur unzureichend.

Prof. Peter Paul Wiplinger,

Schriftsteller (Jg. 1939),

1030 Wien