Am 1. April 1950 trat ich die Arbeit in einer großen ÖBB-Dienststelle in Wien an. Ich stelle mich auch dem Betriebsratsobmann vor. Der fragt: "Was willst du hier?" Ich erwidere: "Ich bin hierher versetzt worden." Sein Kommentar: "Freude haben wir hier keine mit dir." Ich antworte: "Das ist mir egal. Ich will nur studieren, dann werden wir weitersehen." Sein Schlusswort: "Du kannst zehn Doktorate machen. Wenn wir nicht wollen, hilft dir das nichts." Ich frage: "Was spricht gegen mich? Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und habe die Arbeitermittelschule absolviert."

Des Rätsels Lösung für sein Verhalten: Mein Fürsprecher (ein Verwandter meines Neumarkter Arztes), den ich gar nicht selbst kannte, war ein ÖVP-Mann.

Ich hatte großes Glück und wohnte zur Untermiete in einer sehr schönen Stadtwohnung. Die Besitzerin war eine junge Frau. Wie ich später erfuhr, hatte sie die Wohnung durch einen SS-Offizier bekommen, der in ihrer Gegenwart dem jüdischen Inhaber unter Androhung von großen Unannehmlichkeiten 48 Stunden Zeit gegeben hatte, zu verschwinden.

Dr. Franz Lang (Jg. 1928),

ehem. ÖBB-Abteilungsleiter,

1210 Wien