Es war der 23. Juni 1974. Ich ging noch nicht zur Schule. An diesem Tag war ich mit Mutter alleine zu Hause. Es war Wahlsonntag.

Wir wohnten damals im 20. Bezirk in einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung ohne Bad mit WC am Gang. Mutter stand vor dem Spiegel des Waschbeckens in der Küche und frisierte zwei Zigarettenlängen lang ihre Haare. Sie nahm immer wieder eine Haarreihe, toupierte sie, dann kam Taft darauf gesprüht, um dieses steife Haarteil auf den vorangegangen aufgebauten Haarhügel zu legen.

Ein Kamm mit langem Stiel wurde immer wieder in die Haararchitektur gesteckt, um mit einer hebenden Bewegung das Volumen zu erhalten, gleichzeitig wurde Taft gesprüht. Die damalige Haarmode war ein Konstrukt aus falschen Haarteilen, Taft und Toupierkunst.

Ich saß auf der Bank unserer Sitzecke, hatte die Füße meiner Puppe zwischen meine Oberschenkel geklemmt und frisierte sie. Die Puppe sollte eine so tolle Frisur bekommen wie meine Mutter.

Nach vollendeter Haarpracht legte Mutter farbenfrohes Make-up auf, dann zog sie ihre Strümpfe an, eine weiße Bluse und ein Kostüm in dunklem Blau. Sie sah sehr elegant und schön aus. Sie trug dazu eine braune Lederhandtasche mit kurzem Trageriemen, braune Lederschuhe spitz zugeschnitten und mit hohen dünnen Absätzen. Sie sagte zu mir: "Bist du fertig? Können wir gehen?" Ich nickte. Ich war fertig mit dem Stylen meiner Puppe.

Ich selbst trug mein neues Sommerkleidchen, weiße Spitzenstutzen und neue Sandalen. Alles hatte ich zum Geburtstag im Mai bekommen. Eine Spange mit Blüte steckte seitlich als Schmuck im Haar.

Wie aus dem Ei gepellt gingen wir außer Haus zum nahegelegenen Schulgebäude. Es pilgerten viele Menschen dorthin. Ich war überrascht, dass die Schule geöffnet war, und auch über so viele gut angezogene Menschen, die ins Haus strömten.

Unsere Hausmeisterin kam auf Mutter zu und fragte: "Guten Morgen. Wie geht es Ihnen? Wo ist denn Ihr Mann heute!" Mutter antwortete stolz: "Danke gut. Mein Mann sitzt in der Wahlkommission des 18. Bezirks." "Dann lassen Sie ihn schön grüßen."

Wahlkommission klang für mich sehr bedeutsam. Was machte mein Vater dort? Ich fragte: "Du, Mama? Was ist Wahl?" "Das sind das Recht und die Pflicht der Bürger zur Mitbestimmung. Heute wähle ich den Präsidenten. Jeder im Land muss heute wählen gehen. Es gibt bei der Präsidentenwahl Wahlpflicht. Sonst holt einen die Polizei."

Wie genau eine Wahl vor sich ging, konnte ich mir nicht vorstellen, aber ich war sicher, wenn es eine Wahlkommission gibt, an der Vater frühmorgens in Anzug und Krawatte mitarbeitet und Mutter ihr schönstes Kostüm anzieht und sich aufputzt wie fürs Theater, dann muss es sehr wichtig sein.

Andrea Wenig (Jg. 1968),

ÖBB-Bedienstete,

1020 Wien