Invalide konnten nach 1945 oft nur mit Hilfe verbotener Geschäfte überleben. - © Ullstein/picturedesk.com
Invalide konnten nach 1945 oft nur mit Hilfe verbotener Geschäfte überleben. - © Ullstein/picturedesk.com

Um den nach 1945 tristen Abläufen in unserem Obdachlosenheim in Wien-Leopoldstadt für Stunden entfliehen zu können, suchte Mutter mit meiner Schwester (4) und mir (6) oft den Stadtpark auf. Sie kleidete uns so adrett wie möglich, wobei das Röckchen Erikas und meine Trägerhose, die Mama von Hand angefertigt hatte, aus ausrangierten Leintüchern bestanden. Erikas blondes Haar schmückte sie mit einer übergroßen farbigen Haarschleife, welche sie um ein lustig nach oben stehendes Haarbüschel band, während ich einen artig gekämmten Scheitel, eine sogenannte Lausallee, trug.

Wir schlenderten dann meist zu Hübners Kursalon. Vor dem Gebäude nahmen wir Platz. Gegenüber befand sich ein halb offener Pavillon, in welchem bei schönem Wetter ein Orchester aufspielte. Sobald die Musik erklang, waren die Sitze rundherum gebührenpflichtig. Damit beauftragte Personen gingen dann zu jedem, um eine Musikschutz-Gebühr einzukassieren. Während der dort dargebrachten Melodien schwelgte unsere Mutter gerne in ihren Erinnerungen.

Beim Weg in den oder aus dem Stadtpark hinaus mussten wir an unzähligen, an vielen Eingängen herumstehenden Schleichhändlern vorbei. Bei diesen handelte es sich zumeist um Kriegsversehrte. Von ihnen konnte man für viel Geld, am besten aber für US-Dollar, amerikanische Zigaretten wie Lucky Strike, Chesterfield, Marlboro oder Camel, aber auch schon die von der Damenwelt so sehr begehrten Nylonstrümpfe kaufen.

Diese Männer bestritten ihren Lebensunterhalt mit dieser verbotenen Tätigkeit, die für sie oft die einzige Möglichkeit war, an Geld zu kommen. Einige hatten beide Beine verloren oder waren gelähmt. Sie saßen nebeneinander in einer Reihe, jeder in einem dreirädrigen, mit Armeskraft zu betreibenden Invalidenfahrzeug und boten die selben Waren an wie ihre stehenden Leidensgenossen. Oder sie bettelten um Almosen.

Um die von US-Soldaten nach Europa gebrachten Nylonstrümpfe gab es in Wien ein regelrechtes "G’riss", wobei sich aber kaum jemand solche Luxusartikel kaufen konnte.

Hans Gamliel (Jg. 1940),

Pensionist,

CH-9400 Rorschach