Der Identitätsausweis oder die "I-Karte" war in der Besatzungszeit lebenswichtig. - © Michael Stradal
Der Identitätsausweis oder die "I-Karte" war in der Besatzungszeit lebenswichtig. - © Michael Stradal

Meine Großmutter mütterlicherseits war nicht sehr gebildet, hatte aber einen stark ausgeprägten Überlebenswillen und eine natürliche "Hand für’s Geschäft": Unmittelbar nach Kriegsende brauchten alle Österreicher einen Identitätsausweis, kurz I-Karte. Dazu benötigte man ein Passfoto. Aber das Fotopapier und die Chemikalien waren rar.

Oma wohnte bei uns in der Leopoldstadt, in der Nähe der russischen Kommandantur. Mein Großvater hatte in Favoriten ein Fotoatelier, war aber in Kriegsgefangenschaft geraten. Wir fuhren mit der Tramway zum Geschäft, mussten über Schuttberge ins zerbombte Geschäft und fanden eine Menge benötigter Utensilien: Papier, die erforderlichen Chemikalien, Gerätschaften und eine Kamera. Es war jene, die mein Opa für die Hochzeitsaufnahmen verwendet hatte. Oma hatte nicht die geringste Ahnung vom Fotografieren. Freunde halfen ihr aber mit Grundkenntnissen.

Im Nu war sie eine gefragte I-Kartenfotolieferantin. Unser Wohnzimmer war das Atelier, das Bad die Dunkelkammer. Wir hatten keine Wohnungstür. Diese war während unserer Flucht vor den Bomben von den Nachbarn verheizt worden. Notdürftiger Ersatz dafür: eine angelehnte Vorzimmerwand.

Eines Abends war großer Wirbel im Stiegenhaus. Eine ganze Schar russischer, bewaffneter Soldaten kam zu uns in den dritten Stock. Schon von unten weg riefen sie lauthals: "Foto! Foto!" Meine Mutter, jung, hübsch, und ich versteckten uns ängstlich.

Souverän schob meine Oma die Vorzimmerwand zur Seite, begrüßte ihre "internationalen Kunden" und fotografierte drauflos. Die "Muschkis" wollten Fotos, um diese ihren Familien nach Hause zu senden. Einer von ihnen sprach deutsch und ein Abholtermin war rasch ausgemacht.

Einige Tage später, nächtens, wieder Krawall im Haus. Die Russen mühten sich mit einem kapitalen Hirsch, mit Geweih und in einer "Decke", in den dritten Stock: das Honorar für die Fotos.

In dieser Zeit war der ein Vermögen wert, aber im Augenblick leider verbunden mit dem Unvermögen, das Tier aus der Decke zu heraus bekommen. Also verständigten wir Familie und Freunde am nächste Tag lauffeuermäßig. Der Hirsch wurde gemeinschaftlich, wenn auch unwaidmännisch zerlegt. Was übrig blieb, bekam der Wirt im Haus, selbstverständlich im Tausch gegen andere Lebensmittel.

Für mich war das Fleisch eine Köstlichkeit, da bis dahin aus Kostengründen ganz, ganz selten nur Pferdefleisch auf den Tisch kam. Oft sehr wenig, aber doch immer irgendetwas stellte meine Oma für uns auf die Beine. Auch als der Boom mit den Fotos längst wieder vorüber war.

Ing.Otto Haider (Jg. 1941),

Pensionist,

3970 Weitra