Als 1945 der erste Friedenswinter nahte, wurde uns klar, dass wir in unserem Holzhäuschen im Salzkammergut nicht gut überleben könnten. Wir waren zu fünft, meine Großeltern, meine Mutter, ihr Bruder und ich, der gerade Zwölfjährige. Wir schlossen uns daher einem Rücktransport nach Wien an.

Die US-Besatzungsmacht hatte in Ischl einen Zug mit Viehwaggons bereitgestellt, den die Rückkehrer benützen konnten. Der Zug benötigte von Ischl nach Wien, sage und schreibe, drei Tage und vier Nächte, weil er immer wieder von Kontrollen aufgehalten wurde oder auf offener Strecke halten musste, um den Insassen Gelegenheit zu bieten, auf Feldern links und rechts des Bahndammes ihre Notdurft zu verrichten. Man brachte uns zwei Mal am Tag einen Korb mit Brot, auf den wir uns stürzten, obwohl der jeweilige Laib in nur fingerbreite Stücke zerschnitten werden musste, um jeden mit einer Scheibe zu versorgen.

Wir saßen Tage und Nächte auf unseren Bündeln und versuchten zu schlafen. Endlich erreichten die Viehwaggons mit ihrer menschlichen Fracht den Bahnhof Hütteldorf-Hacking. Wir bereiteten uns auf den Gang ins Ungewisse vor, auf die Rückkehr in meine Heimatstadt ohne Adresse und Bleibe. Als wir endlich den Ausgang des Waggons überwunden hatten, bemerkte ich einen Buben meines Alters, der neben dem Geleise auf einem Holzstoß saß und in eine Semmel biss. Ich dachte und fühlte mich beruhigt: "Aha, es gibt also noch eine Semmel in Wien, da wird es so arg nicht sein . . . !"

Wolfgang Georg Fischer (Jg. 1933),

Schriftsteller & Kunstexperte, 1030 Wien