Das alte SPÖ-Parteisymbol auf Rädern. Maikundgebung 1953. - © Votava
Das alte SPÖ-Parteisymbol auf Rädern. Maikundgebung 1953. - © Votava

Seinerzeit waren am 1. Mai die Fenster der Gemeindebauten festlich beflaggt. Die Fahnen, die in der Sektion erworben wurden, steckte man in Metallröhrchen, welche neben den Fenstern angebracht waren. Die Mieter schauten sich die Augen aus, ob die Nachbarn auch Fahnen rausgehängt hatten. Wenn nicht, wurde über sie ordentlich getratscht, die ganze folgende Woche - mindestens. Es wurde aber auch beim gegenüberliegenden Haus geschaut, wer Fahnen hatte und wer nicht. Für Gesprächsstoff war also gesorgt, und dass an diesem Festtag alle Fenster vor Sauberkeit nur so strahlten, versteht sich von selbst.

Einmal im Monat kam der Kassier und verkaufte die Parteimarke, die brav ins rote Büchl eingeklebt wurde. Auch Sondermarken wurden zum Kauf angeboten. Als der Kassier verstorben war, übernahm seine Gattin diese Aufgabe. Familien mit Kindern waren nicht nur SPÖ-, sondern ab 1947 auch automatisch Mitglied der Kinderfreunde. Da gab es zu Weihnachten ein Kinderbuch, und darauf freute ich mich schon immer.

Später wechselten oft die Kassiere, sodass keine Beziehung mehr entstand, zumal sie nur unregelmäßig kamen. Der Maiaufmarsch des Bezirks ging an unseren Fenstern vorbei, sodass wir schon warteten (wenn wir nicht mitmarschierten - was sich mit der Zeit gab), und wenn die Kapelle zu hören war, stürzten alle zu den Fenstern. Es wurde lachend herauf und hinunter gewunken und "Freundschaft!" gerufen. Man freute sich über bekannte Gesichter. Das gab ein feierliches Gefühl und den ganzen Tag lang Gesprächsstoff. Buben mit Fahrrädern hatten diese rot-weiß-rot geschmückt. Die Mitmarschierer gingen damals zu Fuß bis zum Rathaus, nur Behinderte oder Alte wurden im offenen Lastwagen, auf dessen Ladefläche Bänke angebracht waren, zum Rathaus gefahren.

Die Zeiten änderten sich. Irgendwann kamen keine Kassiere mehr, Fenster wurden weniger beflaggt, auch gegenüber. Der Zug meines Bezirkes ging nicht mehr zu Fuß bis zum Rathaus, sondern löste sich am Gürtel auf. Von Jahr zu Jahr marschierten weniger Leute mit. Unser Gemeindebau bekam nach der Sanierung auch keine Fenster-Fahnenhalter mehr.

Christine Kainz (Jg. 1949),

Buchhändlerin i. R.,

1120 Wien