Als meine Mutter 1940 mit mir schwanger wurde, begann sie ein Tagebuch für mich, ihr noch ungeborenes Kind, das sie lange führte. 1943 wurde mein Bruder geboren. Erst 1948 kam ihr geliebter Mann, mein Vater, aus
russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Ich habe dieses Buch der Liebe und Zeitzeugenschaft aufgehoben und werde es meinem Kind weitergeben.

Christl Greller (Jg. 1940),

Schriftstellerin,

1130 Wien

Aus dem Text vom 5. Mai 1946:

"Meine Kinder! Es vergehen Monate bis ich wieder Euer Buch zur Hand nehme. (. . .) Mutti muß Geld verdienen, unser Pappa könnte dies viel besser tun. Der Liebe aber ist weit weg von uns und kann uns in unserer Not nicht beistehen. Am 1. Jänner habe ich meine Stellung als Wärterin aufgegeben, weil Oma wieder schlechter beisammen war.

Am 18. 3. trat ich wieder als Hortleiterin in Liesing ein. (. . .) Die Zahlung ist noch nicht geregelt, ich bekomme 60 Schilling vorschußweise (. . .) Alles ist schrecklich teuer, die kargen Lebensmittelzuteilungen sind sehr hoch gehalten.

Einen Schrebergarten bekam ich von der Gemeinde zugewiesen. Die Großeltern haben ihn schon bebaut und nun sieht man schon, wie es wächst. Regen würden wir brauchen. Es hat zwei Monate nicht geregnet. Wenn es so bleibt, gibt es eine Hungerkatastrophe.

Alle 14 Tage schicke ich an Pappas Adresse über das Rote Kreuz in der Milchgasse einen Brief. Hoffentlich bekommt er einen davon. Zu Ostern machten wir einen Kinderfreundeausflug ... Die Kinder bekamen zu essen. Da waren wir eine Sorge los.

Der erste Mai sah unsere Arbeiter wie ehemals auf der Straße. Es war ein herrlicher Tag. Die Beteiligung war groß. Nachmittags gab es ein Treffen der Kinderfreunde . . ."