1975: das Telefon läutet. Am anderen Ende der Leitung Johanna Dohnal, damals Frauensekretärin der SPÖ-Wien: "Ich habe gehört, sie hätten Interesse, Selbstbewusstseinsseminare zu organisieren?" Überrascht und aufgeregt sagte ich "Ja". Das war der Beginn einer für mich aufregenden Zeit.

Ich hatte schon eine Weile in der Volkshochschule Ottakring an Vortrags- und Diskussionsrunden für Hausfrauen teilgenommen. Nun durfte ich auch bei den Selbstbewusstseinsseminaren aktiv dabei sein und wurde angeregt, über mich und mein Leben nachzudenken. Die Aufregung und Empörung, die ich damals verspürt habe, hat mich so in Bewegung gebracht, dass bis heute kein Stillstand möglich ist. Die Aufregung kam von den Anregungen, darüber nachzudenken, wer ich bin und was ich will. Die Empörung erwuchs daraus, dass sich in dieser Runde von fünfzehn Frauen alle schuldig fühlten, weil sie unzufrieden waren. Unzufrieden waren sie, weil sie ein fremdbestimmtes Leben führten.

Die gesetzlichen Bestimmungen und Voraussetzungen gaben dem Mann (Vater oder Ehemann) das Recht zu bestimmen, was Frauen durften oder nicht; ob sie berufstätig sein dürfen, wo die gemeinsame Wohnung sein soll.

In meiner Kindheitsumgebung hatte ich diese Fremdbestimmung kaum wahrgenommen, weil wir ermutigt wurden, selbstbestimmt zu denken und zu handeln. In meiner Ehe und als dreifache Mutter erlebte ich diese Einengung sehr wohl. Bis dahin habe ich mein Unbehagen gespürt, aber keine Worte dafür finden können. Dieses Sichtbarmachen hat mich politisiert.

Dohnal vertrat schon damals die Meinung, Frauen sollten die Gesellschaft mitgestalten. Das reformierte Familienrecht sollte nicht nur Gesetz sein, sondern auch praktisch umgesetzt werden. Sie wollte Frauen ermutigen, politisch aktiv zu sein und für ihre Interessen einzutreten. Geschichtliches und politisches Wissen sowie selbstbewusstes Handeln wird gebraucht. Die Aufbruchsstimmung der 70er und 80er Jahre war spürbar und ich war mitten drin, dabei und durfte mitgestalten. Für mich war das eine sehr prägende Zeit. Das Erkennen, dass wir Frauen kein Recht auf ein selbständiges Leben haben, hat mich empört und damit zum politischen Handeln geführt.

Die Zusammenarbeit mit Dohnal, die 1979 Staatssekretärin und 1990-1995 Frauenministerin wurde, hat mir ganz neue Sichtweisen eröffnet. Mein berufliches und privates Leben haben sich radikal verändert. Menschen in Entwicklungsprozessen zu begleiten wurde zu meinem Lebensinhalt.

Ina Biechl (Jg. 1948),

Trainerin und Coach,

1150 Wien