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Mein Großvater Anton Hölzl (1874 - 1946) war sozialdemokratischer Politiker. Er gehörte dem Parlament der Ersten Republik bis zur Auflösung 1933 an. Er wurde von der Dollfuß-Regierung nach dem Putsch 1934 verfolgt und im Anhaltelager Wöllersdorf eingesperrt, wo er drei Monate bei Wasser und Brot verbringen musste.

Nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden die Attentäter zum Tode verurteilt und auch nicht beteiligte Nazi-Gegner verfolgt. Ende Juli 1944 klopfte es um fünf Uhr früh an seiner Gemeindewohnung im Quarin Hof und zwei Herren zeigten meiner bestürzten Großmutter ihre Gestapoausweise und befahlen "Türkette ab, wir müssen da hinein". Als Großvater schlaftrunken erschien, riefen sie ihm zu: "Sie sind verhaftet. Verdacht auf Hochverrat. Ziehen Sie sich an und kommen Sie mit."

Großvater oder "mein Daddi", wie ich ihn nannte, gab zur Antwort: "Darf ich mich noch rasieren?" Mit Kopfnicken gaben die Gestapo-Leute ihr Einverständnis. Daddi ließ ostentativ die Tür zum Badezimmer offen, damit sie beim Rasieren mit dem offenen Rasiermesser zusehen konnten. So wollte er seine kaltblütige Verachtung zeigen und rasierte ohne zu zittern bis zum letzten Strich. Dann zog er sich an und folgte den Gestapoleuten, die ihn zur Zentrale am Morzinplatz brachten. Auf seiner Gefängniskarte, die ich mir später ausheben ließ, stand: "Verdacht Hochverrat". Aber da man ihm keine subversiven Tätigkeiten nachweisen konnte, ließ man ihn nach 14 Tagen wieder aus.

Wolfgang Georg Fischer (Jg. 1933),
Schriftsteller & Kunstexperte,
1030 Wien