Die Pummerin inmitten von Schülern in Linz. - © Imagno/Votava
Die Pummerin inmitten von Schülern in Linz. - © Imagno/Votava

Ein schulfreier Tag 1951 blieb mir in besonderer Erinnerung, der Tag, an dem die Pummerin von Linz nach Wien gefahren wurde, unser Geschenk an die Hauptstadt. Wir schenkten Wien die Pummerin! Wir Schulkinder säumten die Wiener-Reichsstraße (wie sie bis in die 60er Jahre hieß). Freilich wollten wir etwas für den Stephansdom tun, aber noch mehr dafür, dass alle Bundesländer zusammengehören.

Wir waren klein in einem kleinen Österreich. Zwei Himmelsrichtungen, zwischen denen wir lebten, hatten besondere Bedeutung: Ost und West. Wir gehörten weder zur einen noch zur anderen, somit waren wir etwas Besonderes. Auch alle Bundesländer waren für sich etwas Besonderes, das sah man an ihren eigenen Wappen. Aber alle waren Österreicher und blickten auf denselben Bundespräsidenten. Wir waren eine dicke Grenze zwischen Osten und Westen, ein Puffer wie zwischen den Eisenbahnwaggons. Die braucht man zur Sicherheit. Irgendwann könnte die Zukunft vielleicht grenzenlos werden.

Unbemerkt kam mir dieser Volksschulpatriotismus und das Gefühl abhanden, dass es im Land auf uns ankäme, dass wir wichtig wären. Viele aufgesaugte Widersprüche, Informationsbruchstücke, Schockerlebnisse bei Wortgefechten über Juden, Nation, Nazis und Kommunisten staute und türmte sich zu einem Chaos aus Angst und Ekel, das nur mit persönlicher nachpubertärer Verwirrung der Gefühle zugedeckt werden konnte. Die Schule hatte versagt, uns nicht Hilfe geleistet, politisches Interesse weiter zu entwickeln, uns mit Österreich und der Welt auseinander zu setzen.

Die Lehrer waren hilflos. Faschismus und Zeitgeschichte generell waren für sie tabu. So tauchte ich erst spät als studierende und wählende Staatsbürgerin wieder aus dem Chaos auf, wie aus einem anachronistischen Trümmerhaufen inmitten von Neubauvierteln. Mein politisches Bewusstsein musste und konnte ich mir dann selber bilden, zu Hilfe kam mir die "68er Bewegung". Mein "Ja zu A" ist mir geblieben, ich möchte es aber wie eine brave Schülerin am Ende eines Aufsatzes mit einem geschätzten Zitat verbinden: "Alle jene, die in der Lage sind, sich einen Überblick über die moderne Welt zu verschaffen, wissen, dass auf Grund des Nationalismus der Fortbestand der Zivilisation in Gefahr ist." (Bertrand Russell, 1932)

Dr. Heidrun Pirchner (Jg 1944),

AHS-Lehrerin in Pension,

1080 Wien