Als Österreichs Fußballwelt noch in Ordnung war - Titelblatt aus dem Jahr 1954 mit Turl Wagners Autogramm. - © Privat
Als Österreichs Fußballwelt noch in Ordnung war - Titelblatt aus dem Jahr 1954 mit Turl Wagners Autogramm. - © Privat

Der heute 92-jährige Theodor Wagner war das Fußballidol der 50er Jahre aus Meidling. Alle nannten ihn nur den "Turl". Als er seine Fußballschuhe an den berühmten Nagel hängte, eröffnete er wenig später in der Theresienbadgasse an der Ecke zur Meidlinger Hauptstraße ein Schuhgeschäft für italienische Modeschuhe.

Zum Turl, dem Helden und Torjäger von Wacker-Wien und der Nationalmannschaft von 1954 (Österreich erreichte damals den dritten Platz bei den Weltmeisterschaften in der Schweiz), pilgerten auch viele Fußballgrößen: Da kamen zum Beispiel Ernst Ocwirk, Rudolf Szanwald und Ing. Gerhard Hanappi.

So erlebte der Turl auch das Drama um den an Lymphdrüsenkrebs erkrankten und 1980 im
51. Lebensjahr verstorbenen Architekten Hanappi hautnah mit. Aber auch Schauspieler-Persönlichkeiten wie Waltraud Haas waren Turl Wagners Kunden.

Eines Tages aber kam ein ganz anderer Besucher mit einer seltsamen Bitte ins Schuhgeschäft. Wagner möge ihm doch bitte den rechten Schuh eines bestimmten Modells zu einem geringen Einsatz überlassen. Der sei nämlich für eine kranke Frau, die nicht persönlich kommen könne. Sollte ihr der Schuh gut passen, wollte der Mann am nächsten Tag wieder kommen, den linken Schuh holen und den restlichen Betrag für das Paar begleichen. Turl händigte dem Kunden aufgrund dieser Vereinbarung den rechten Schuh aus.

Der Kunde aber kam am nächsten Tag nicht - er kam überhaupt nie wieder. So ersuchte Turl Wagner nach einiger Zeit den italienischen Importeur, ihm doch einen rechten Schuh dieses Modells erneut zu besorgen, damit er wieder über ein komplettes Paar im Geschäft verfügen könne.

Da sagte der Importeur etwas verwundert und etwas ratlos: "Komisch, im zehnten Bezirk gibt es ein Schuhgeschäft, da fehlt der linke Schuh des gleichen Modells!"

Da wusste der gute Turl Wagner, dass er einem Gauner aufgesessen war, der sich um wenig Geld ein teures Paar erschlichen hatte.

Franz Gradwohl (Jg. 1944),

Kfm. Angestellter,

1230 Wien