Ein Bild, das selbst Geschichte schrieb.Die "Wiener Zeitung" recherchierte mit Zeitzeugen den wahren Hintergrund. Getty/Corbis Historical
Ein Bild, das selbst Geschichte schrieb.Die "Wiener Zeitung" recherchierte mit Zeitzeugen den wahren Hintergrund. Getty/Corbis Historical

Eine dramatische Szene. Wer ist der Mann, der den Fahrradreifen mit beiden Händen umklammert? Und wer die Frau, die ihr Rad partout nicht loslassen will? Jahrzehntelang war über diese beeindruckende Aufnahme, die 1945 in Wien entstand, wenig bekannt. Einige Male wurde das Schwarz­Weiß-Foto, das später nachkoloriert wurde, in Medien veröffentlicht, etwa 2003 im deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Den Fotografen kennen wir nicht. Vor einigen Jahren stieß eine ältere Dame auf dieses Zeitungsbild und erinnerte sich an die Szene, die sich Jahrzehnte zuvor abgespielt hatte. Die Frau mit dem Fahrrad war nämlich sie selbst. Gertrude Münster (verh. Setermaier) - die Frau mit dem Fahrrad - war 1945 Mitte 20 und wohnte bei ihrer Mutter am Friedrich-Engels-Platz. Sie war gerade dabei, nach Ulrichskirchen im Bezirk Mistelbach zu radeln, wo sie als Kindergärtnerin arbeitete.

Da passierte es. Auf der Brünner Straße in Floridsdorf, Höhe Schlingermarkt, kam ein russischer Soldat auf sie zu und wollte ihr das Fahrrad entreißen. Da sie wusste, dass es auf der Strecke immer wieder Übergriffe russischer Soldaten auf Frauen gegeben hatte, trug sie ein Kopftuch, um ihr blondes Haar zu verbergen.

Natürlich habe sie Angst gehabt, erinnerte sie sich später im Gespräch mit ihrer Enkelin, aber nicht so sehr vor dem Soldaten, der das Vorderrad festhielt, sondern mehr noch vor seinem Kollegen, der verdeckt hinter ihm zu erkennen ist. Denn der sei bewaffnet gewesen.

Frau Münster hat den kurzen Zweikampf gewonnen. Vielleicht kam sie auch deshalb ungeschoren davon, weil die Szene sich vor einer Menschenmenge abspielte. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und fuhr davon.

Dieser Text von Anton Holzer

erschien am 24. 10. 2014 im
"Extra" der "Wiener Zeitung". Als
Basis dafür dienten Informationen der Enkelin von Frau Setermaier:

Susanne Aigner

WZ-Mitarbeiterin

1190 Wien

Einmal kam ein Rotarmist hoch zu Rad bei uns um die Ecke, lehnte dieses an eine Wand und verschwand in einem Haus. Ich nahm das Fahrrad, das er garantiert gestohlen hatte, setzte mich drauf und fuhr davon - so etwas war damals einfach gang und gäbe. Sehr lange konnte ich mich des Rades deshalb allerdings auch nicht erfreuen, nach kurzer Zeit war es nämlich wieder verschwunden.

Mein Freund Rudi hat auch irgendwo und irgendwie ein Radl aufgetrieben, allerdings war das Gefährt ohne jegliche Bereifung. Damit hat er sich jedenfalls erfolgreich eine Fahrradklingel erspart, denn man hörte ihn schon von weitem über das Pflaster rattern, weil er ja auf den Felgen fuhr.

Das Vorderrad steckte locker auf der Gabel, und er nahm es immer mit, wenn er den Rest seines Verkehrsmittels irgendwo parkte.

Auf diese Weise wurde es ihm nicht gestohlen.

Mag. Friedrich Weiss

Komponist

2500 Baden bei Wien