Zu meinem sechsten Geburtstag im Herbst 1944 besuchte ich die vierklassige Volksschule in Pamhagen an der Grenze des Burgenlandes zu Ungarn und wir mussten bei Schulbeginn jeden Morgen den Herrn Lehrer mit "Heil Hitler" begrüßen. Als die Front der "Roten Armee" zu Beginn 1945 näher rückte, holten mich meine Eltern, die mich aus Angst vor Bombenangriffen auf Wien zu einer Tante ins Burgenland geschickt hatten, zurück und wenige Tage später "flüchtete" meine Mutter mit meiner jüngeren Schwester und mir zu einer Bauernfamilie nach Loich (südwestlich von St. Pölten).

Viele Soldaten der zurückweichenden Wehrmacht strömten durch den Ort und immer wieder gab es in der Nacht furchterregende Explosionen, wenn die deutschen Soldaten, Panzer oder andere Fahrzeuge, für die sie keinen Treibstoff mehr hatten, in unangenehmer Nähe in die Luft sprengten, damit sie nicht "dem Feind" in die Hände fielen. Im April 1945 kamen die russischen Soldaten und wenn sie Granaten in den vorbeifließenden Bach warfen, um Forellen zu "fischen", war meine Mutter noch ängstlicher als bei der Sprengung der deutschen Militärfahrzeuge. Einige Wochen später kehrten wir auf abenteuerliche Weise auf einem mit Holzkohle betriebenen Lastwagen nach Wien zurück und wohnten im Haus meiner Tante in der Jagdschlossgasse in Hietzing.

Das Haus hatte einen schönen Garten mit festem Zaun, der auf einer niedrigen Betonmauer verankert war. Ein furchterregender Krach entstand, als Sowjet-Soldaten mit einem Panzer den Gartenzaun niederwalzten und erklärten, dass die Redaktion einer sowjetischen Soldatenzeitung in diesem Haus einquartiert wird.

So geschah es - aber nicht für lange, denn bald wurde Hietzing zur britischen Besatzungszone erklärt und die Russen zogen ab. Die sowjetischen Soldaten und Journalisten sind mir als kinderfreundlich in Erinnerung geblieben - wir haben offenbar dreimal Glück gehabt.

Heinz Fischer,

Bundespräsident a. D.

1080 Wien