Vater wurde jetzt immer kränker und eines Tages musste er mit Lungenschwindsucht, mit TBC und zum Überfluss noch mit rechtshändigem "Beinfraß" (damals sagte man so zu Knochenkrebs) ins Spital. Man wollte ihm dort den Arm amputieren, Vater war aber nicht einverstanden. "Wie sollte ich dann arbeiten", sagte er zu Mutter, "mit nur einem Arm?" So schickte man ihn wieder nach Hause.

Doch es ging nicht mehr lange, er wurde immer schwächer. Schon ein kurzer Spaziergang oder ein halber Tag Arbeit erschöpfte ihn so sehr, dass er sich sogar in seinem schönen, blauen Sonntagsanzug spontan aufs Bett warf, was meine Mutter zu der Bemerkung veranlasste: "Josef, dein schöner Anzug!" Die etwas verbitterte Antwort von ihm: "Für wen willst du den noch aufheben?", ließ meine Mutter in haltloses Weinen ausbrechen, worauf wir Kinder ebenfalls in ein herzzerreißendes Schluchzen einfielen. Wir konnten uns alle lange nicht beruhigen. Am 12. November 1918 wurde nach fast viereinhalb Kriegsjahren die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Kaiser Karl I. hatte abgedankt und der Staat Österreich-Ungarn hatte zu bestehen aufgehört. Es war aber in jeder Hinsicht nur eine Ruhe vor dem Sturm. Vaters Zustand hatte sich zwar nicht gebessert, aber doch etwas konsolidiert, und seine ungeheure Willenskraft ließ ihn wieder fleißig arbeiten. Krankenkasse gab es nicht, und seine Familie musste ja von etwas leben.

So verging das ganze Jahr 1919, und wir schöpften alle wieder etwas Hoffnung. Doch das Schicksal meinte es anders. Anfang Oktober 1920 brach Vater mitten in seiner Arbeit zusammen und starb nach kurzem Krankenhausaufenthalt in einem Barackenlager eines ehemaligen Feldlazaretts. Er war keine 42 Jahre alt geworden, und Mutter war nach nur 16 Ehejahren bereits mit 37 Witwe - mit fünf unmündigen und unversorgten Kindern.

Der 24. Oktober 1920, der Begräbnistag, zeigte sich noch zu allem Überfluss als trüber Vorwintertag mit einem halben Meter Schnee und nasskalter Witterung. Richtige Winterkleidung hatten wir alle nicht. Alles war so trostlos, kalt und feindselig. (. . .) Die wenigen Ersparnisse gingen für das Begräbnis meines Vaters auf. Ja, sie langten nicht einmal für ein eigenes Familiengrab, und so wurde Vater in ein sogenanntes "Armen-Schachtgrab" zur letzten Ruhe gebettet.

Friedrich Miksa (1916-2004),

über die Zeit zu Geburt
der Republik.

Ein Beitrag der "Doku Lebensgeschichten", Universität Wien