Am 25. November 1945 fanden in ganz Österreich nach über zwölf Jahren die ersten freien Wahlen in den wiederhergestellten Nationalrat statt. In meinem Heimatstädtchen ergoss sich bis zum Vorabend des Wahltags eine solche Flut an papierener Wahlwerbung, wie ich es nie mehr in späteren Jahren noch einmal gesehen habe. Mehr als die Hälfte des gesamten Asphalts auf den Straßen und Gehsteigen war davon bedeckt.

In mindestens einem Schaufenster sah ich eine große skizzierte Landkarte von Südtirol, daneben einen selbstgebastelten Text des Geschäftsinhabers, dass dieses damals vor mehr als 25 Jahren verloren gegangene Land nun doch bald wieder zu Österreich zurückkommen werde.

An den Wahltag selbst habe ich keine Erinnerung. Wohl aber an den Montagfrüh darauf. Im Dampfzug nach Graz war Beleuchtung in den Waggons nur durch mitgebrachte Karbidlampen gegeben. Neben mir saßen, auch unterwegs zu einer Schule, die beiden Söhne des provisorischen sozialistischen Bürgermeisters.

Sie spekulierten über den Wahlausgang. SPÖ und KPÖ würden Millionen Wählerstimmen erhalten haben, die ÖVP nur einige hunderttausend, prognostizierten sie. Umso überraschender, dass Radio und Tageszeitungen in Graz dann tagsüber die ÖVP als den großen Gewinner und die KPÖ nur als Kleinpartei erkennen ließen. Die ÖVP hatte das wohl zum Teil dem sympathischen Ex-KZ-Häftling Ing. Leopold Figl zu verdanken. Obwohl der in der Wochenschau, die bei jeder Filmvorführung im Kino vor dem sogenannten Spielfilm zu sehen und zu hören war, durch seine pathetische Art zu reden oft Gelächter beim Publikum auslöste.

Franz Rader (Jg. 1931),

Pensionist,

1070 Wien