Lotte Pirker (ca. 1940), eine Augenzeugin des 12. November 1918. - © Doku Lebensgeschichten
Lotte Pirker (ca. 1940), eine Augenzeugin des 12. November 1918. - © Doku Lebensgeschichten

Am Westbahnhof hätte ein Maler seine helle Freude gehabt. Da gab es ein buntes Durcheinander all der Völker und Typen, die das große Österreich bewohnten. Türken, Montenegriner, Bosniaken und Albaner kochten am Boden und warteten wie alle anderen tagelang auf den Weitertransport. Immer neue Menschenfracht spien die ankommenden Züge aus. Die folgende Zeit war schwer. Lebensmittel- und Brennmaterialmangel, Teuerung, Epidemien.

Die Geburtsstunde

Da kam ein Ereignis, so groß, so überwältigend, dass alle kleinlichen Sorgen schwiegen und die fortschrittlichen Menschen wieder an die Zukunft glaubten. Österreich wurde Republik. Ich hatte für ein monarchistisches System nie viel übrig, und die Monarchie im eigenen Land sterben zu sehen, war mir ein freudiges Ereignis, das mich frohlocken ließ.

Deshalb stand ich auch ganz vorne beim Parlament und sah überglücklich die roten Fahnen wehen, die sich allerorts hervorwagten. Plötzlich fiel ganz nahe von mir ein Schuss und Panik setzte ein, die jedem Beteiligten gewiss in Erinnerung geblieben ist. Es gab kein Halten. Wie ein Bergstrom, der aus seinen Ufern tritt und alles mitreißt, was ihm den Weg verstellt, so riss dieser Menschenstrom alles mit sich in die Gassen, die zum Gürtel führten. Eine bekannte Frau klammerte sich an mich an und flehte, sie nicht zu verlassen. Da sie schlecht zu Fuß war, drohte Gefahr, dass sie niedergerannt und zertreten werden würde. Also versuchte ich sie in ein Haus zu jonglieren. Leider aber waren alle Haustore, alle Restaurants und Kaffeehäuser versperrt und verrammelt. Es blieb nichts anderes übrig, als sich vom Strome treiben zu lassen bis in die Gefilde der äußeren Bezirke, wo die Flut abebbte.

In der Zukunft überstürzten sich die Ereignisse. Monarchen wurden entthront, Bürgerkriege tobten, zwei Systeme prallten hart aneinander und ließen die Menschen nicht zur Ruhe kommen. Eine mächtige Arbeiterpartei bewahrte uns Österreicher damals vor dem drohenden Bürgerkrieg.

Lotte Pirker (1877-1963),

über den 12. November 1918.

Ein Beitrag der "Doku Lebens-
geschichten", Universität Wien