22. März 1945, Donnerstag. Heute war ein ganz schlimmer Tag. Ohne Unterlass flogen über uns die Flieger, oft mit so tiefem Gebrumm, dass man meinte, sie fliegen im Tiefflug.

Unaufhörlich rauschten die Bomben und explodierten, dass wir unseren Herrgott anriefen, um uns zu beschützen. Ob nicht dieser Kohlenkeller sehr ungeeignet ist? Wir sitzen da zu viert oder zu fünft und niemand weiß davon, und wenn die Ausgänge verschüttet sind, haben wir keinen Durchbruch. Wieder wurde Hernals eine tiefe Wunde geschlagen. Straßen und Gassen, die einem seit frühester Kindheit vertraut sind, schauen ganz entstellt aus! Darunter die Hernalser Hauptstraße vom Elterleinplatz bis zum Luna Kino (vielleicht darüber auch). Unsere Kalvarienbergkirche mit dem Pfarrhof ist so schwer beschädigt. Das Herz tut einem bluten, wenn man das alles sieht. An jeder Gasse, an jeder Ecke eine liebe Erinnerung. Im Geiste sehe ich meine Hochzeit, wie die Fiaker am Platz vor der Kirche stehen bleiben, wie schön war da alles. Und nun ist alles verwüstet. Ich sehe mich mit Franzl auf den Nowak Pepi und Mizzi warten, um gemeinsam noch nach Strebersdorf zu fahren, um die zwei Männer zu begleiten. Sie kehrten dann nie mehr zurück. Dies war Ecke Hernalser Hauptstraße und Rosensteingasse, auch hier ist durch den Luftkrieg alles zerstört.

Tagebuch von Maria Wissinger

(1920-2017),

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