Der Eiserne Vorhang grenzte auch Kinderträume ab. - © Getty/R. Nebesky
Der Eiserne Vorhang grenzte auch Kinderträume ab. - © Getty/R. Nebesky

1970, ich war fünf Jahre alt, verließen meine Eltern mit uns drei Kindern das Ruhrgebiet und siedelten sich als evangelische Pfarrersleute in Laa/Thaya an. Dort war damals buchstäblich das Ende der Welt. Am Nordrand der ehemaligen k.u.k. Verwaltungsstadt stand ein unüberwindbarer Zaun. Dahinter erstreckte sich ein - für meine Kinderaugen unendlicher dunkler Wald. Dort, so sagte man uns Kindern, befänden sich Selbstschuss-Anlagen, die ohne Zutun auf uns schießen, sollten wir uns dorthin verirren. Der Zaun und das "wilde Tier" im Wald zogen mich magnetisch an. Manchmal konnte ich Mutter überreden, mit mir hinzugehen. Schauen wollte ich, einen Blick auf dieses Tier erhaschen, das mich erschießen wollte, obwohl ich ihm nichts getan hatte. Ich war sicher, dass das "Land des Tieres" leer war. Dort lebten keine Menschen. Aber was war dort? 1991 fuhr ich erstmals in das "Land des Tieres". Zu meiner Überraschung entdeckte ich dort eine kleine barocke Stadt mit wunderschönem Stadtplatz und eine Konditorei mit riesengroßen, klebrig-zuckrigen Torten und freundlichen Menschen. Wo waren sie gewesen, all die Jahre? Und wo war nun das Tier?

Renata Schmidtkunz,

ORF-Redakteurin, Ö1 (Jg. 1964),

1040 Wien