Ein Wandel im Zeitenspiegel: der Heldenplatz im "Lichtermeer" 1993, am Nationalfeiertag und beim "Anschluss" 1938.
Ein Wandel im Zeitenspiegel: der Heldenplatz im "Lichtermeer" 1993, am Nationalfeiertag und beim "Anschluss" 1938.

Als ich vor einigen Wochen mit meinem Freund Heinz Kienzl über den Heldenplatz spazierte, begannen wir, inspiriert von der Aura des Ortes, über Helden und Heldentum zu raisonnieren. Ein Held muss für eine gute Sache eintreten, aber muss er dabei auch untergehen?

Ein leuchtendes Beispiel ist Prinz Eugen, der, wie es in dem Lied heißt "wollt dem Kaiser wiedrum kriegen Stadt und Festung Belgerad". Er hat aber auch an der Neuordnung des Staates, an Förderung von Kunst und Wissenschaft, maßgebend teilgenommen. Letzten Endes haben alle Österreicher nach dem 2. Weltkrieg an der Wiedererrichtung Österreichs Anteil geleistet. Wenn freilich der Name Leopold Figl fällt, erinnern wir uns in besonderer Weise an staatsmännische Leistungen, Tapferkeit und Zuversicht, mit denen er der sowjetischen Besatzungsmacht entgegentrat.

Figls Koffer unterm Bett

Charakteristisch ist etwa, dass er, zu Beginn des Kalten Krieges, immer einen Koffer unterm Bett stehen hatte, in der Befürchtung, dass die Sowjetarmee die russische Zone mit einem Eisernen Vorhang vom übrigen Österreich abtrennt. Bei unserem Spaziergang erzählte mir Heinzl Kienzl, dass die Oesterreichische Nationalbank, deren Generaldirektor er später war, die Zweigstelle Linz so ausbaute, dass die Zentrale damals rasch von Wien nach Linz hätte übersiedeln können. Beharrlichkeit und Mut zeichneten auch Julius Raab und Karl Gruber aus. Der Fall Margarethe Ottillinger zeigt, in welche Gefahr sich Personen begeben haben, wenn sie sich für die Nation einsetzten.

Auch die sozialdemokratischen Helden Johann Böhm, Karl Renner und Adolf Schärf wussten genau, dass nach der Errichtung der DDR Sozialdemokraten, die sich nicht in die SED eingliedern ließen, in leer stehende Konzentrationslager gebracht wurden. Aber es waren nicht nur herausragende Persönlichkeiten, sondern die österreichische Bevölkerung insgesamt, die an der Wiedererrichtung des Landes mitwirkten.

Wenn wir uns über unser wirtschaftlich blühendes und international anerkanntes Staatswesen freuen, sollten wir den Heldenplatz nicht nur mit der frenetischen Begeisterung der Märztage 1938 verbinden, sondern vor allem an die Vorkämpfer für ein freies und ungeteiltes Österreich denken. Dann erübrigt sich auch eine Umbenennung des Platzes, denn diesen Helden verdanken wir Frieden, Freiheit und Wohlstand in der Zweiten Republik. Für uns aber, die in der Gegenwart Entscheidungen zu treffen und unser Leben verantwortungsvoll zu gestalten haben, gilt die Entschlossenheit, diese Werte mit Mut, Stolz und Freude zu verteidigen.

Dr. Wolfgang Wolte (Jg. 1931),

Botschafter (zuletzt bei d. EU) i. R.

1180 Wien