Ich bilde mir ja nicht ein, zu den Protagonisten im Ringen um Freiheit und Wohlstand zu gehören, aber im Chor habe ich schon ein wenig mitgemacht. In der Zeit der Besatzung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg weigerte sich die Verwaltung des Marshall-Planes, Kredite für Investitionen in der sowjetischen Besatzungszone zu genehmigen.

Nach dem gescheiterten "kommunistischen Putsch" kamen unsere Gewerkschaftskollegen in den USIA-Betrieben aber ziemlich unter politischen Druck. Sich mit dem Schwäbischen Gruß zu verabschieden war nicht so einfach, denn es gab ja keine anderen Jobs.

Im Auftrag von Gewerkschaftsbund-Präsident Johann Böhm habe ich ein Memo über die Lage der Arbeiter in den USIA-Betrieben verfasst und es dann meinem Freund Hugo Pepper, der im Rahmen eines Studienprogramms in die USA flog, mitgegeben. Ich bat ihn, das Papier direkt an Viktor Reuter zu überbringen, um so die sowjetische Briefzensur zu umgehen.

Einige Wochen später bekamen wir einen Brief von Viktor Reuter, in dem er uns zusagte, die Marshall-Plan-Verwaltung in unserem Sinne zu beeinflussen, nämlich Kredite auch in der Ostzone zu genehmigen. Der Brief war abgestempelt von der sowjetischen Zensur, offenbar hatten aber der russische Schlendrian und die Wiener Wurschtigkeit zusammengewirkt, sodass der Brief nur abgestempelt, nicht aber geöffnet worden war.

Ich hielt es aber trotzdem für ratsam, bis auf Weiteres die Grenzen der Besatzungszone nicht zu überschreiten, aber ein paar Monate später hatten wir den Staatsvertrag und alles und die ganze Not war ausgestanden.

Dr. Heinz Kienzl

(Jg. 1922),

ehem. Gen.-Dir. d. Nationalbank,

1090 Wien