Ruhe nach dem Sturm: GIs beim Wäschewaschen in West-Österreich. - © FPG/Staff
Ruhe nach dem Sturm: GIs beim Wäschewaschen in West-Österreich. - © FPG/Staff

"Heute sind die Amerikaner in Braunau eingerückt und wir erwarten stündlich ihr Eintreffen", vertraute ich meinem Tagebuch am 1. Mai 1945 an. Und am Mittwoch, 2. Mai: "Heute war der entscheidende Tag. Gegen 18 Uhr setzte jenseits des Inn Gewehr- und Maschinengewehrfeuer ein. Amerikanische (Granat)werfer fuhren in Bayern auf und beschossen auch das diesseitige Inn-Ufer. Der NS-Bürgermeister und der Hauptschullehrer als Dolmetscher verhandelten mit anderen als Parlamentäre. Um ca. 19.30 Uhr wurde Obernberg übergeben und US-Truppen rückten ein. Von allen Häusern, auch vom Kirchturm, wehten weiße Fahnen. Nun haben wir es überstanden."

Zuerst liefen mein Vater und ich durch den Garten zum Abhang dahinter, in den wir gemeinsam mit Schneidermeister Fritz Danmayer einen "Bunker" (eine primitive Sitzhöhle) gegraben hatten. Da hetzten ein paar Soldaten der zurückweichenden Wehrmacht vorbei.

Wir machten kehrt und beschlossen in der Hoffnung, dass es keine größere Schießerei geben würde, den Gang der Dinge vom Wohnzimmerfenster aus hinter halb vorgezogenen Vorhängen zu beobachten. Als ein "SSler" mit gezogener Pistole auf unser Haus zukam und die Einholung der vom Dach wehenden weißen Kapitulationsfahne forderte, erregte sich mein Vater über alle Maßen und brüllte ein paar Unflätigkeiten hinunter. Mutter und ich rissen ihn zurück. Wir befürchteten schon das Schlimmste, aber für eine Verfolgung von Verbalinjurien war keine Zeit mehr, der SS-Mann brüllte etwas zurück und verschwand von der Bildfläche. Er war die letzte Amtsperson des niedergerungenen Regimes, an die ich mich erinnere. Das nächste Bild, das vor meinen Augen auftaucht, war ein Obernberger Gendarm mit blutiger Kopfbinde, der über den Marktplatz geführt wurde. (Seine Verletzung sollte sich als geringfügig erweisen.) Kurz darauf bahnte sich ein US-Panzer den Weg durch das Tor, das den Alten vom Neuen Markt trennt. Die neue Zeit war endlich angebrochen.

Hubert Feichtlbauer (1932-2017), renommierter Publizist. Seine ganz persönlichen Erinnerungen wurden uns von Tochter Eva Kriegleder zur Verfügung gestellt.