"Uhra, Uhra" waren bei russischen Besatzungssoldaten sehr begehrt. Nicht immer bekamen sie das, was sie wollten. - © ullstein bild/Imagno
"Uhra, Uhra" waren bei russischen Besatzungssoldaten sehr begehrt. Nicht immer bekamen sie das, was sie wollten. - © ullstein bild/Imagno

Meine Großmutter väterlicherseits, Cäcilia Nitsch, habe ich nicht mehr kennengelernt, sie starb 1950 im Alter von 54 Jahren, zehn Jahre vor meiner Geburt. Dennoch ist sie es, von der die meisten Geschichten in der Familie weitergegeben worden sind. Großmutter hatte in den 1910er Jahren die Bürgerschule im 25 Kilometer entfernten Mistelbach besucht. Ein Riesenaufwand, musste sie doch dort Kost und Logis finden, denn ein Pendeln war damals völlig unmöglich. Sie war also gebildet und spielte Klavier, was für eine Kleinbauerntochter schon eine Ausnahme darstellte. Und sie rauchte, natürlich nur im Geheimen und in Maßen. Mit einem Wort, sie war im Dorf als sehr resolute Person bekannt.

"Feindsender" gehört

Sie setzte in der Familie auch durch, dass in der Kriegszeit Feindsender gehört wurden. Ein äußerst riskantes Unterfangen, was in der Familie später häufig zur Sprache gebracht und beinahe in den Rang des NS-Widerstandes gehoben wurde.

Nach Kriegsende wusste sich Großmutter auch gegen die russischen Besatzer zur Wehr zu setzen. Eine Lesergeschichte über die Uhren sammelnden Russen hat mir diese Geschichte in Erinnerung gerufen. Auch in Herrnbaumgarten im nordöstlichen Weinviertel legten es die russischen Soldaten darauf an, möglichst viel Wertvolles mit nach Hause zu nehmen. Als sie bei Großmutter ihre Forderung nach der "Uhra", also der Uhr, stellten, ging diese schnurstracks in die Speisekammer, in die sogenannte Speis, und kam mit einem Sauerteigtopf zurück, den sie dem Soldaten präsentierte. Der staunte nicht schlecht, machte vor Überraschung kehrt und ging türenknallend davon.

Großmutter hatte in diesem Fall aber ganz unwissentlich widerspenstig gehandelt. Sie holte das "Ura". Ura ist ein Rest von einem Sauerteig, der beim Brotbacken abgezweigt, aufgehoben und beim nächsten Brotbacktag wiederverwendet wird. Etwas, das damals in jedem Haushalt unter dem Namen Ura zu finden war. Die Uhren blieben im Haus.

Brigitte Pechar (Jg. 1960),

Journalistin,

2171 Herrnbaumgarten