Schülerdemonstration am Minoritenplatz in Wien. - © Imagno/Pflaum
Schülerdemonstration am Minoritenplatz in Wien. - © Imagno/Pflaum

Es war ein Montagmorgen im Frühling 1968. Ich war Gymnasiast der siebenten Klasse, eben erst von unserer Schullandwoche zurückgekehrt. Da hörte ich im Ö1-Morgenjournal die Spitzenmeldung, dass es erstmals in Österreich einen Schülerstreik gebe, im BRG I, Stubenbastei, meiner Schule. Gleich kam auch ein Live-Interview mit unserem Schulsprecher. Es ging, soweit ich mich erinnere, um Schulreform, antiautoritäre Erziehung, Mitspracherechte usw., aber auch gegen den damaligen ÖVP-Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic (von uns als Piffl-Pallawatsch verunglimpft), der sich mit dem Stil seiner Amtsführung (nachzulesen bei Thomas Bernhard) und seinen Reformplänen nicht gerade beliebt gemacht hatte.

Mein Schulweg verlief in ziemlicher Anspannung, hatte ich doch keine Ahnung, was sich da angebahnt hatte. Politisch interessiert, aber ziemlich naiv, machte ich mir keine Gedanken, wer das nun organisiert hätte, auch nicht, als ein Kollege, der schon maturiert hatte (heute ein angesehener Wirtschaftsexperte), mit Megaphon vor der Schule agitierte. Viele Schüler saßen ratlos in den Klassen herum, hatten Sorgen wegen möglicher Sanktionen und etliche hatten kaum Interesse an der Sache. Dennoch war der Zeichensaal, wo eine Versammlung stattfand, brechend voll. In der langen Diskussion, an der sich auch Lehrer beteiligten, wurde mit philosophisch-politologischen und sonstigen Begriffen argumentiert, die ich nur zum Teil verstand und die mir für manche Kollegen richtig Respekt abverlangten. Schließlich wurde zur Demonstration noch am selben Nachmittag, am Ring aufgerufen.

In vielen Schulen wurde die Teilnahme verboten, dennoch wurde es eine riesige Kundgebung. Laut damaligen Medienberichten eine der, bis dahin, größten Demos der Republik. Sie dauerte ein paar Stunden. Es wurden Parolen gerufen, Transparente geschwenkt, Reden geschwungen und es gab "Sit Ins" - neu, aus der Bürgerrechtsbewegung der USA.

Von der Parlamentsrampe aus schien die Menge unüberschaubar. Die Demo endete vor dem Unterrichtsministerium und verlief völlig friedlich. Als der Minister einige Monate später zurücktrat, waren wir größenwahnsinnig genug, zu glauben, einen Anteil daran zu haben.

Ob wir überhaupt etwas bewirkt haben? Ich weiß es nicht. Irgendwie begann damals schon die Kreisky-Ära heraufzudämmern, in der es dann viele Schulreformen gab. Ob die alle so gelungen sind wie erhofft? Während meiner gesamten Berufslaufbahn musste ich ein stetig sinkendes Niveau der Allgemeinbildung meiner Studenten feststellen . . . Und persönliche Auswirkungen? Auch wenn es für mich ein positives Erlebnis war, hat es mir seither immer ein beklemmendes, fast ängstigendes Gefühl erzeugt, Teil einer schreienden Masse zu sein.

Dr. Bernd Göritzer,
Arzt (Jg. 1951),

1030 Wien