Unser Herr Oberst hieß Filatow. So steht es auf der Rückseite der Fotografie, die der sowjetische Besatzungsoffizier meinem Vater am 14. XI. 1945 gewidmet hat. Ob er wirklich ein Oberst war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde er so tituliert. Er war eine interessante Persönlichkeit. Das konnten wir täglich feststellen, weil er in unserem Haus logierte, im schönsten Zimmer, das es gab.

Mein Vater "konnte mit dem Herrn Oberst gut", er behandelte ihn respektvoll und umgekehrt war es auch so. Mein Vater war in der "Russenzeit" Bürgermeister von Haslach im Mühlviertel. Weil mein Vater sich mit dem Oberst gut verstand, sich in Krisensituationen auch mittels einer Flasche Cognac (aus "Friedenszeiten") verständigte, gab es im Ort nie gröbere Übergriffe.

Manchmal wurde Vater aber doch zum Herrn Oberst zitiert. Dann gab dieser im Befehlston Anweisungen, was er wünsche: Tanz mit einheimischen Mädchen am Samstag für die Soldaten, Kinovorführung, Konzert, Sport. Das Interessanteste an dem Oberst aber war seine Leidenschaft für Fotografie und alles Technische. Er fotografierte begeistert alles und entwickelte die Filme selbst und stellte in unserem spärlich eingerichteten Badezimmer kleine Papierbilder her, die er auf der Terrasse zum Trocknen auflegte.

Oberst Filatow - © Privat
Oberst Filatow - © Privat

Ich war ein Knirps von sechs Jahren. Das alles interessierte mich sehr und imponierte mir mächtig. Der Herr Oberst nahm mein Interesse wahr. Ich durfte in der dunklen, von einer roten Glühbirne aufgehellten Kammer beim Bilderhervorzaubern zusehen. Ich sah, wie sich auf einem Stück Papier langsam Gegenstände und Gesichter abzeichneten und zu einem Bild zusammenfügten.

Der Herr Oberst war sehr freundlich zu mir, so wie "die Russen" bei uns überhaupt zu kleinen Kindern und alten Leuten nett und höflich waren. Dem Herrn Oberst Filatow verdanke ich ein wunderschönes Kinderbild, das ich noch besitze. Es zeigt mich mit meinem Bruder und meiner Mutter. Der Oberst hatte angeordnet, dass wir uns schön anziehen und zurechtmachen. Er wolle ein "Porträt" machen, hatte er gesagt. Wir kamen seiner Anordnung, die mehr eine Einladung, ja eine Auszeichnung war, gerne nach. Und so entstand dieses schöne Bild. Der Herr Oberst und wir freuten uns darüber

Für mich wurde wahrscheinlich damals schon der Grundstein dazu gelegt, dass ich mich später intensiv mit Fotografie beschäftigte und heute noch tue. Ich habe viele Ausstellungen und einige Fotobücher gemacht. Vor allem aber habe ich die Russen in Person des Herrn Oberst als freundliche und ganz normale Menschen kennengelernt.

Prof. Peter Paul Wiplinger,

Schriftsteller (Jg. 1939),

1030 Wien