Nach Kriegsende wurden 1945 im Gasteinertal US-Besatzungssoldaten stationiert. Sie waren recht freundlich, besonders zu uns Kindern. Sie schenkten uns, was wir nicht kannten: schmale Briefchen, die nach Pfefferminz rochen und deren Inhalt man kauen konnte. Bald haben wir Kinder gelernt, wie diese Nascherei heißt. Sobald wir einen "Ami" trafen, sagten wir: "Plies giv mi tschuligam!"

Eine andere Seite dieser Männer lernten wir auch kennen. Wir wohnten in einer Gemeindewohnung: meine Eltern, die jüngere Schwester, mein einige Monate altes Brüderchen und ich. Es klopfte, drei Soldaten standen in der Tür. Wir hatten einen Emailleherd, der mit Holz befeuert wurde. Es brannte das Feuer, Suppe und Babybrei standen darauf. Einer sagte etwas zu Mutter, das ich nicht verstand. Sie schütteten Wasser auf die Glut, packten den Herd und trugen ihn hinaus. Ich sehe noch meine Mutter vor mir, wie sie erstarrt, die Hände vors Gesicht schlägt und weint.

Den "Amis" habe ich aber auch mein Leben zu verdanken. Ich lag mit "doppelseitiger Lungenentzündung" im Krankenhaus und man hatte mich vermutlich aufgegeben. Da fuhr unser Sprengelarzt noch nachts mit dem Jeep nach Salzburg ins US-Camp, um Penicillin zu besorgen. Es gab damals das "Depot Penicillin", das man alle vier Stunden spritzen musste. Noch in der Nacht wurde mit der ersten Spritze begonnen. Am nächsten Tag war ich "übern Berg". Mutter, die voll Besorgnis ins Krankenhaus kam, berichtete, sie habe ihren Augen nicht getraut: Anstatt des todkranken, apathischen Kindes "sitzt sie im Bett und trinkt Kaffee!"

Renate Reisinger (Jg. 1940),

Pensionistin,

1200 Wien