Sichtbare Symbole (hier in Duren) fielen rasch. - © Central Press/Getty Images
Sichtbare Symbole (hier in Duren) fielen rasch. - © Central Press/Getty Images

Als die Amerikaner 1945 in Strobl einmarschierten, war ich acht Jahre alt. Meine Mutter, der jüngere Bruder und ich waren vor den zunehmenden Bombenangriffen in Steyr in das Dorf am Wolfgangsee geflüchtet, wo eine Tante, die in Amerika verheiratet war, ein leerstehendes Ferienhaus besaß, in dem auch noch weitere Verwandte - teilweise aus Deutschland - Zuflucht gefunden hatten.

Die Amerikaner kamen in der Nacht. Ich kann mich noch an die harten Soldatenschritte und die polternden, dröhnenden Panzer erinnern, die das Haus vibrieren ließen. Wir waren froh, dass es Amerikaner waren und nicht Russen, von denen schreckliche Dinge erzählt wurden. Die Situation war trotzdem angespannt, wir wussten nicht, was uns erwartet.

Meine Mutter hatte ein Plakat gemalt mit US-Fahne und in englischer Sprache geschriebenen Worten: "Dieses Haus gehört einer Amerikanerin". Wir hofften, dass uns das schützen würde. Ich erinnere mich auch, dass mir das in meiner kindlichen Vorstellung peinlich war, es erschien mir demütigend und beschämend, eine - offenbar notwendige - Anbiederung an den "Feind".

Am nächsten Morgen war der ungeteerte Lehmboden des Weges wie aufgepflügt und für normale Straßenschuhe unpassierbar. Ansonsten blieb alles ruhig. In unserer Klasse war das Bild des "Führers" von der Wand entfernt und durch den Gekreuzigten ersetzt worden. Außerdem mussten wir Kinder plötzlich von einem Tag auf den anderen statt des morgendlichen strammen Hitler-Grußes das Vaterunser beten.

Niemand hat uns darauf vorbereitet, mit uns darüber gesprochen. Wie hätte man uns Kindern das auch erklären sollen? Die Menschen hatten andere Sorgen. Wir reagierten entsprechend verunsichert und verstört mit verwirrtem Gekicher und Gestammel, viele von uns, vor allem jene, die in einer nationalsozialistischen Familie aufgewachsen waren, konnten gar kein Vaterunser beten, sodass schließlich nur die laute und entschlossene Stimme des Lehrers das Gebet vor dem völligen Versiegen bewahrte.

Prof. Dr. Hilde Schmölzer,

Autorin (Jg. 1937),

1140 Wien