- © Peter Kurz / CONTRAST/picturedesk
© Peter Kurz / CONTRAST/picturedesk

Es muss schon Oktober gewesen sein, denn es war kühl an jenem späten Nachmittag des Jahres 1975. Ein Mann aus Wien kam nach Marchtrenk in Oberösterreich, wo ich mit meiner aus dem Ruhrgebiet stammenden Familie von 1973 bis 1979 wohnte. Mein Vater gehörte zur "Ortsprominenz": Er war der evangelische Pfarrer. So war es klar, dass er neben Bürgermeister, Vizebürgermeister, Schuldirektor, katholischem Pfarrer, Blaskapelle und vielen anderen zum Begrüßungskomitee gehörte, das den Mann aus Wien willkommen hieß.

Vor dem Gemeindeamt war ein Podest aufgebaut. Dahinter waren die schöne, von mir immer sehr geliebte rot-weiß-rote Flagge und die oberösterreichische Landesfahne gehisst. Ein paar auserwählte Kinder - auch ich - durften neben dem Mann stehen, der aus Wien gekommen war, um den Leuten zu erklären, warum sie ihn wählen sollten. Ich stand zu seiner Rechten, gleich neben dem Rednerpult. Mit seiner rechten Hand stützte er sich auf dem Pult ab. Ich legte meine linke Hand neben seine, schob sie immer weiter dorthin, bis sich unsere Handkanten berührten. Ich war stolz wie eine Schneekönigin. Es war die Hand von Bruno Kreisky. Danach bin ich ihm nie wieder persönlich begegnet. So wurde ich im Alter von zehn Jahren Sozialdemokratin.

Renata Schmidtkunz (Jg. 1964),

Journalistin,

1040 Wien