- © Gaschurnpartenen
© Gaschurnpartenen

Meine Mutter, ihre Schwester, die fünfjährige Cousine und ich wurden 1945 nach Idolsberg in Niederösterreich evakuiert. Wir hatten bei einem reichen Bauern zu viert ein Zimmer und erhielten zusammen einen Viertelliter Milch und ein Ei pro Tag. Als schließlich die Russen einmarschierten, flüchteten die Bauern in das nahe Kloster und ein russischer Oberst bezog den großen Bauernhof. Wir alle hatten in der folgenden Nacht furchtbare Angst. Überall gab es Schüsse und Schreie.

Als ich in der Früh in den Hof trat, ließ sich der russische Oberst gerade die Stiefel putzen und winkte mich zu sich heran. In gebrochenem Deutsch fragte er mich, ob ich die Russen liebte. Ich entgegnete, dass ich alle Menschen liebe, die den Mitmenschen kein Leid antun und ihnen helfen.

Der Oberst erzählte mir, dass er schon vier Jahre nicht mehr zu Hause gewesen sei und zwei kleine Buben hätte, einer davon in meinem Alter. Ich durfte mich auf seinen Schoß setzen und er erzählte mir ein altes, russisches Märchen. Als er dann am nächsten Tag mit der Kompanie weiterzog, schenkte er uns zwei Waschkörbe voll Lebensmitteln. Er war wohl auch mit Sehnsucht nach seiner Familie und nach Frieden erfüllt.

Diese Begegnung wirkt auch bis heute noch für mich als ein unvergesslicher Glücksmoment.

Dipl. Ing. M. Machek (Jg. 1939),

Pensionist,

1220 Wien