Josef Damisch (1902 bis 1970) half Juden bei der Flucht, wurde denunziert und nach Dachau eingeliefert. - © privat
Josef Damisch (1902 bis 1970) half Juden bei der Flucht, wurde denunziert und nach Dachau eingeliefert. - © privat

Am 28. April 1945 verließ der größte Teil der SS das Konzentrationslager Dachau, einen Tag später wurde es von Einheiten der US-Armee befreit. Seit damals feierte mein Vater an diesem Tag seinen Geburtstag.

Die Jahre, die du im KZ warst - ich habe dich nicht vermisst. Ich war zu klein, um zu begreifen, als man dich holte. Als du wiederkamst, warst du für mich ein fremder Mann. Ich erinnere mich an einen sonnigen Maitag - Mutter und ich waren irgendwo evakuiert -, als du an diesem Tag heimkamst. Das Haus, in dem wir wohnten, lag auf einer Anhöhe, eine große Wiese fiel bergab zur Straße. Ich ging an Mutters Hand, als wir unten eine Gestalt auf uns zukommen sahen. Plötzlich rief Mutter: "Das ist Papa", ließ meine Hand los und lief hinunter.

Ich beobachtete die Szene wie in einem Film. Wer war dieser Mann, dem meine Mutter beinahe in die Arme flog und gleichzeitig weinend und lachend sich zu mir umdrehte und mit ihm wieder heraufkam? Da sah ich erstmals bewusst das Gesicht meines Vaters. Er lächelte mich an, streckte die Arme nach mir aus. Ich sah Tränen seine Wangen herunterrinnen. Ich hatte noch nie einen Mann weinen gesehen. Ich kannte Tränen, viele Tränen, die ich in Mutters Gesicht gesehen hatte, aber ich war bis dahin der Meinung, Männer könnten nicht weinen. Dass Buben weinen konnten, wusste ich. Nun stand da ein erwachsener Mann vor mir und weinte!

Ich spürte abgesehen von der Verwunderung über seine Tränen eigentlich nur Angst. Pure Angst vor diesem fremden Mann. Ich schrie, als er mich berührte und in den Arm nehmen wollte, drehte mich um und lief davon.

Ich habe dich nie gefragt, was du damals empfunden hast.

Inge Hein (Jg. 1941),

Pensionistin,

3400 Klosterneuburg