Der sowjetische Atommeiler nach dem Super-GAU. - © dpa/Tschernobyl
Der sowjetische Atommeiler nach dem Super-GAU. - © dpa/Tschernobyl

"Mei, so guat geht’s eich heitzutag’, wenn mia des olles ghobt hätten . . ." Es sollte nach Bewunderung klingen, aber Neid und Vorwurf waren unüberhörbar. Mutter hatte den rasch aufbauenden Wohlstand nach dem Krieg mit Verwunderung erlebt, besonders aber den Jahrzehnte andauernden Frieden, der trotz Kaltem Krieg lange andauerte. Dieser materielle Wohlstand verringerte merklich die Spannung zwischen Arbeiterklasse und Bauernstand, man sah den Menschen vor seiner Herkunft.

Dann die Zäsur: Der 1. Mai 1986 war für mich der Beginn eines Krieges, der seitdem seine Bedrohung nicht verloren hat. Auch wenn er scheinbar schläft. Ein sonniger Nachmittag, leichter Wind, der Maibaum aufgestellt vor dem Gasthaus eines Dorfes, Musik, Lachen, gutes Essen, Plaudern, Witze, später werden die Burschen auf den Baum hinaufkratzeln. Einer wird siegen. Dann gehen wir heim.

Hast du nicht das Gefährliche in den Wolken gesehen, in der leichten Luft nichts gerochen, kein Geräusch, keine Sirene, keine Warnung? Absolut nichts? Hast du den Boden nicht aufschreien gehört? Sich zusammenziehen aus Angst vor dem Gift? Am 26. April 1986 der Reaktorunfall in Tschernobyl. Am 29. April war die Wolke über uns. Kinder durften nicht im Gras, im Garten spielen, kein Milchkonsum, kein Leitungswasser trinken, im Garten der Mutter der erste Kopfsalat, wunderschön zarte, hellgrüne Häupel - nein, sagt sie, ich lasse ihn mir nicht nehmen! Ich esse meine Sachen, man kann ihnen vertrauen! Sie sieht keine Gefahr, sie hört keine Schüsse, sie riecht nichts. Cäsium 137, Strontium, Jod sind kein Begriff - es hat geregnet - aus dieser radioaktiven Wolke. Die Gefahr ist überall, sie ist gemein und hinterfotzig.

Ich suche wichtige Sachen zusammen, Pässe, Ausweise, Zeugnisse, Dokumente, Geld, Sparbücher, ein Koffer mit Kleidung. Meine Kinder sind sechs und zehn Jahre alt. Wohin willst du so schnell fahren, wenn’s ernst ist? Du wirst verstrahlt sein und niemand wird dich aufnehmen, sagt eine Bekannte. Ja. Wohin dann?

Seither ist der 1. Mai nicht mehr makellos. Er trägt das Stigma der Drohung, der hinter dem schönen Schein der frischen Natur lauert. "Mei, hobt’s es ihr guat" - der Neid ist unbegründet. Unser Frieden ist perforiert. Und jeder Krieg irgendwo trifft auch uns.

Johanna Dürnecker (Jg. 1947), Autorin,

3200 Obergrafendorf