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Ich kam 1941 zur Welt und war zum Kriegsende ein kleines Mädchen. Mehrmals im Monat zog mir meine Mutter mein Sonntagskleiderl an und wir gingen von Hernals nach Hütteldorf zum Bahnhof. Dort erlebte ich dann Folgendes: Züge mit Soldaten und Frauen, die ihnen weinend Fotos zeigten oder einem der abgemagerten Männer um den Hals fielen.

Wir gingen nach einiger Zeit wieder nach Hause und für mich war das ein erlebnisreicher Tag. Ich verstand nicht wirklich, warum meine Mutti weinte.

Jahre später wurde mir dann alles nach und nach ganz erzählt: Mutti hatte wohl den Bescheid, dass Papa im April 1942 in Russland fiel. Aber da im Haus ein totgesagter Mann heimkam, klammerte sie sich auch an ein Wunder - es war auch sehr schwer für sie, mit 26 Jahren Witwe zu sein. Leider ist sie dann auch mit 49 Jahren an einem schweren Herzleiden gestorben.

Ich kann mir noch bis heute keine Filme im Fernsehen ansehen, in denen Heimkehrerzüge und diese von mir erlebten Situationen vorkommen. Ich finde es schön und berührend, dass mir meine Mutter damals die Freude an den kleinen Ausflügen im Sonntagskleiderl nicht genommen hat.

Heute bin ich 77 Jahre alt und glückliche Mutter von zwei Söhnen und fünf tollen, erwachsenen Enkelkindern. Ein bisschen "Vaterersatz" durfte ich noch durch meinen Schwiegervater erleben.

Dieses Foto von meiner Mama und mir hat meinen Papa nicht mehr erreicht. Es kam mit dem Brief retour aus dem Kriegsort. - Traurig.

Gerti Navratil (Jg. 1941)

Pensionistin

1150 Wien