- © ullstein bild - Imagno/Votava
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1955 wohnten meine Eltern und ich in einer Dienstwohnung im Bahnhof von Gumpoldskirchen bei Baden bei Wien. Vor der Übersiedlung dorthin hatte es einen Ehestreit gegeben: Meines Vaters Kriegsverletzung - ihm war in der Südsteiermark seine, infolge eines Partisanenaktes, umgekippte Draisine auf die rechte Hand gefallen - war inzwischen halbwegs kuriert, sodass er als Bahnbediensteter neue Aktivität suchte.

Der nächste goldene Stern auf der Uniform war in Reichweite - aber der freie Posten lag in der noch bestehenden russischen Besatzungszone. Mutter war dagegen und pessimistisch. Doch Vater setzte sich durch.

Sein Optimismus sollte berechtigt sein, wurde doch seine erste Aufgabe die Vorbereitung des Abtransports der Russen mit Waffen und Hausrat aus ihrem Hauptquartier in Baden Richtung Osten. Als die schier endlosen Züge an unserem Fenster vorbeirollten, hatte Mama mir ein rot-weiß-rotes Fähnchen in die Hand gedrückt, das ich eifrig schwenkte, beantwortet vom Winken der Abreisenden. Manche von ihnen sollen dabei geweint haben. Und meine Mutter auch, aber Freudentränen. Es war Mitte Oktober 1955. Österreich war frei.

SC Dr. Gerhard Stadler (Jg.1947),

em. Direktor der Eurocontrol, 1130 Wien/D-83088 Kiefersfelde