Marie Toth (Mitte) im Konsum Leobersdorf, 1924. - © Privat/Doku Lebensgeschichten
Marie Toth (Mitte) im Konsum Leobersdorf, 1924. - © Privat/Doku Lebensgeschichten

1921. - Ich wurde im März siebzehn Jahre alt, musste auch schon schwerere Arbeiten machen. Ich wurde muskulöser. Mager war ich immer, aber mir machte jede Arbeit Freude und ich war immer in Bewegung; nur füllte mich die Arbeit nicht ganz aus.

Mich interessierte alles, so kam ich zum Turnverein. Da fühlte ich mich so richtig wohl. In kurzer Zeit hatte ich so viel gelernt, hatte viele Bekannte und Freunde und es war lustig. Wir machten Ausflüge: Merkenstein, Peilstein, Hohe Wand; aber alles zu Fuß und meist nur trockenes Brot mit - aber es war schön. In kurzer Zeit hatte ich alle Mädchen vom Ziegelwerk beim Turnverein. Zweimal in der Woche gingen wir abends in die Turnhalle.

Herr Steschütz Anton, ebenfalls Mitglied im Turnverein, war im Konsum Leiter einer Filiale. Er fragte mich einmal, ob ich als Verkäuferin arbeiten möchte. Nichts lieber als das. Mein Wunsch war immer: Weg vom Ziegelwerk, es war ja doch nur minderwertige Arbeit. Aber es gab früher keine Auswahl.

Bis nach dem Krieg mussten alle Kinder der Ziegelarbeiter am Ziegelwerk arbeiten. Die Ziegelwerksbesitzer wollten es nicht, dass die Jungen etwas lernten oder woanders arbeiteten. Obwohl die Menschen hart und fleißig arbeiten mussten, wurden sie immer als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Die Wohnung und das Brennmaterial waren frei. Wenn jemand von den Jungen woanders arbeiten wollte, war die Kündigung sicher, außer man war kränklich oder zu schwach.

Als ich im Konsum anfing, war es mit den Lebensmitteln wohl besser, aber noch immer zu wenig. Wir züchteten immer Hasen und Hühner. Manchmal bekamen wir im Konsum etwas Mehl, Zucker, Grieß - was es eben gab - als Zubuße um den normalen Preis. Nach den großen Hungerzeiten sind wir uns schon reich vorgekommen.

Meine Arbeitszeit im Konsum war von sieben bis zwölf und von vier bis sieben Uhr abends, auch Samstag, da wurde es oft neun Uhr abends. Herr Steschütz war ein aktiver Parteimann der Sozialistischen Partei. Er gründete Vereine, wo er auch als Funktionär tätig war. Wir verstanden uns gut.

Ich interessierte mich für alles und war auch in fast allen Vereinen tätig. Meine liebste Freizeitarbeit war Turnen und Leichtathletik. Ich war Funktionärin bei der Jugend, beim Gesangsverein, hab’ "schuhplattelt", Theater gespielt - vor zehn Uhr abends kam ich nie heim. Ich habe Mutter alles erzählt, ich hatte solche Freude mit diesem Leben. Es war eine Freundschaft und Geselligkeit - Langeweile kannte ich nicht.

Marie Toth (1904-2006), Beitrag der "Doku Lebensgeschichten",

Universität Wien