Holland 1922: Karolina Weiss mit Tochter Luzie. - © privat
Holland 1922: Karolina Weiss mit Tochter Luzie. - © privat

Wenn ich verhindern will, dass mein Kind verhungert, so wie tausend andere - ... Ich habe Zwillinge gesehen, die meiner Nachbarin, sie sind neun Monate alt. Wenn man sie ansah, gruselte einem der ganze Jammer dieser Nachkriegszeit und ihrer Gemeinheit eiskalt über den Rücken: zwei Totenköpfe auf einem dürren Hals, um den viel zu weit die Haut hängt; große Bäuche, darüber Rippen, die man zählen kann; Arme und Beine, deren Knochen nur Haut bedeckt. In ununterbrochenem Gewimmer stöhnen sie sich langsam aus dem Leben.

Wenn ich das an meinem eigenen Kind verhindern will, muss ich alle schönen Dinge verkaufen, um im Schleichhandel kondensierte Milch und andere Dinge zu erwerben. Alle Geschenke, die ich durch die Jahre erhalten habe, wurden in einen Koffer gepackt. Damit bin ich in die Stadt gefahren - die dafür eingehandelten Lebensmittel habe ich gleich mitgebracht. Zu Hause arbeiten alle, Vater, Schwester, Brüder - aber alles Mühen ist vergeblich. Zehner, Hunderter, Tausender - bald rechnen wir in Millionen... Die Bauern streiken, sie liefern keine Milch mehr, weil das Bier im Preis höher steht als die Milch. Die Säuglinge und alten Menschen sterben wie die Fliegen. Man begräbt sie haufenweise - immer ist es ein Esser weniger.

Ich habe Tag um Tag auf einen Brief aus Holland gewartet, und jetzt ist er da, dieser Brief. Durch die Vermittlung von Sonjas Gatten konnte ich nach Holland reisen. Ich war eingeladen und das Weitere würde sich finden. (...)

Schließlich kam der Tag des Scheidens. Es war ein herzbrechender Tag. Ein drei Monate altes Kind zurücklassen - es war die allerschwerste Stunde meines Lebens. Am 1. Jänner 1921 habe ich alle verlassen. Es war ein kalter Wintertag - fünf Uhr morgens - ein Herz wie Stein, der Hals zugewachsen, im Bett das Kind - Vater, Mutter und Geschwister mit abschiedswehen Augen. Hart war es, bitter hart. Mutter hat mir schweigend ein Kreuz gemacht - ich habe sie nie wieder gesehen. Vater stand wortlos da. Franzi weinte. Ich habe sie nicht wieder gesehen - nicht den Vater, nicht die Schwester.

Ich hatte wohl schon öfter Abschied genommen, aber wir schienen in dieser Stunde alle geahnt zu haben, dass es kein Wiedersehen mehr geben sollte. Ich dachte, für einige Jahre wegzugehen, aber es sind volle achtzehn geworden. So lange konnten sie nicht warten. Mutter war damals 56 Jahre alt, Vater 57, Franzi 23.

Karolina Weiss (1893-1986),

ein Beitrag der "Doku Lebensgeschichten" der Universität Wien.