Im Frühjahr 1953 wohnte ich, fünf Jahre alt, mit den Eltern im steirischen Kleindorf Mixnitz. Einmal monatlich fuhren Mama und ich auf einige Tage nach Wien, wo alle Verwandten wohnten. Dank der "Regiekarten" - Vater war ÖBB-Beamter - war dies fast gratis, ich freute mich auf die Zugfahrt und auf die Großstadt, wo meine Verwandten für den Knaben in Lederhose stets ein Besuchsprogramm vorbereitet hatten. Nach dem ersten Tunnel kam der Bahnhof Semmering, mit einem längeren Halt: Kontrolle der Identitätsausweise - die Steiermark war britische, Niederösterreich russische Besatzungszone.

Im Abteil ungeduldig auf die Kontrolle durch die Russen wartend, erbettelte ich von Mama die "I-Karte", damit ich sie dann dem Mann in Uniform zeigen könne. Doch der ließ auf sich warten, ich spielte mit dem grauen Heftchen - und es fiel mir in den Schlitz zwischen Abteilfenster und Waggonwand. Weg! Mutter schimpfte heftig, war dem Nervenzusammenbruch nahe und bebte vor Angst. Viel später erzählte sie mir, dass sie am 12. Februar 1934 als Schülerin in der damaligen Wohnung im Schlingerhof in Wien-Floridsdorf stundenlang Artillerie- und MG-Beschuss miterleben musste. In der zertrümmerten Wohnung blieb sie unverletzt - aber ein Trauma blieb, das sie zeit ihres langen Lebens in nervenkritischen Situationen immer wieder beeinträchtigte.

1953, damals am Bahnhof während des Wartens auf die Kontrolle, sah sie uns schon auf dem Weg nach Sibirien: Es gab viele Gerüchte über Verhaftungen und Verschleppungen; das Schicksal ihrer Jugendbekannten Margarethe Ottillinger, die 1948 an der Zonengrenze an der Ennsbrücke von den Russen verhaftet worden und 1953 noch irgendwo inhaftiert war, mag ihr vor Augen gestanden sein.

Endlich betrat ein Sowjetsoldat unser Abteil. In seiner Hand unsere "I-Karte", verglich er prüfend Foto mit Mensch, sagte "Karascho", machte zu mir gewandt, lächelnd, mit dem Zeigefinger ein warnendes Zeichen, und der Zug fuhr an, talwärts polternd über die Steinlawine, die uns beiden vom Herzen gefallen war. Mein Vater erkundigte sich später beim Kollegen am Semmering, was passiert war: Der Fahrdienstleiter hatte beobachtet, wie der den Zug bewachende Soldat ein aus dem Waggon gefallenes Heft aufgehoben und einem Offizier gebracht hatte. Dieser hatte es dann nach Prüfung gestikulierend dem kontrollierenden Soldaten gegeben.

SC Dr. Gerhard Stadler (Jg. 1947),

em. Direktor der Eurocontrol, 1130 Wien/D-83088 Kiefersfelden