Im Sommer 1948 waren mein Bruder und ich am Wege zur Haltestelle der Straßenbahnlinie 43 beim Ring und überquerten blindlings die Schottengasse. Wahrscheinlich wären wir getötet worden, hätte der Lenker einer Patrouille der "Vier im Jeep" sein Fahrzeug nicht mit kreischenden Bremsen vor uns zum Stillstand gebracht. Es gab damals wenige Autos, Edgar und ich waren einfach ahnungslos im Verkehrsverhalten. Aber wir hatten Glück.

Jeder dieser motorisierten Patrouillen gehörte ein Militärpolizist der vier Besatzungsmächte an. In unserem Fall sprang der amerikanische aus dem Wagen, tätschelte uns am Kopf, fragte: "Are you okay?" und gab uns Wrigley’s Kaugummi, einen damals unglaublichen Schatz.

Das hatte auf mich nachhaltige Wirkung: Von da an betrachtete ich die "Amis" als wahre Engel und entschloss mich mit neunzehn Jahren, in den USA (und nicht in der Sowjetunion) zu studieren, obwohl ich aus einer tief im Marxismus verwurzelten Familie stammte. Es war leichter, amerikanische Besatzungssoldaten zu mögen als russische, denn man wusste: Sie vergewaltigten und plünderten viel seltener und benahmen sich meist zivilisierter. Erst später wurde mir klar, warum dem so war: Sie mussten zwar ebenso Deutsche und Österreicher auf den Schlachtfeldern bekämpfen, aber ihre Verwandten in der Heimat waren nie der Willkür gegnerischer Wehrmachtsoldaten ausgeliefert wie jene der Sowjets. Anders als Stalin hatte Präsident Roosevelt deutsche Frauen nie zu Freiwild deklariert und Soldaten zu Misshandlungen ermuntert.

Dreißig Jahre nach dem Ereignis in der Schottengasse wurde ich wieder daran erinnert, als ich an der University of Virginia als Anglist lehrte und von einem wesentlich älteren Militärhistoriker erfuhr, dass auch er 1948 in Wien als amerikanischer Part als einer der "Vier im Jeep"-Patrouille gedient hatte. Ich weiß nicht, ob es der Wahrheit entsprach, aber als ich ihm von meinem Erlebnis in der Schottengasse erzählte, bei dem wir sogar mit amerikanischem Kaugummi belohnt wurden, meinte er, dass er sich an soetwas erinnern könne.

Vielleicht war er es wirklich, aber schlussendlich war mir wichtig, in Virginia jemanden kennengelernt zu haben, der mit mir gute Erinnerungen an die Stadt meiner Jugend teilte.

DDr. Ernst Soudek (Jg. 1940),

Uni- und FH-Professor i. R.,

1010 Wien

(lebte 1960-1987 in den USA)