Waltraud Steiner (geb. Zirbs) legte 1945 einen dramatischen Weg nach Wien zurück. - © privat
Waltraud Steiner (geb. Zirbs) legte 1945 einen dramatischen Weg nach Wien zurück. - © privat

Als Sudetendeutsche bin ich unter schwierigen Umständen nach Österreich gekommen. 1945 hatte man alles konfisziert, was meine Familie in Troppau besaß. Als 18-Jährige wurde ich zu drei Jahren Zwangsarbeit verpflichtet. Vater, ein geborener Wiener, tat alles, um uns drei Mädchen die Ausreise nach Österreich zu ermöglichen. Die Brüder Kurt und Adolf blieben in Deutschland.

Nach unzähligen Versuchen kam 1948 der ersehnte Bescheid aus Wien, dass Vater, Stiefmutter, die Schwestern Gerda (22), Hansi (12) und ich - einreisen dürfen. Die Freude war unbeschreiblich. Als wir beim Zug ankamen, wollte im herrschenden Chaos niemand unsere Papiere sehen. Dort stand auch ein Viehwaggon, der alle nach Sibirien bringen sollte, wo Arbeitskräfte gebraucht wurden. In letzter Sekunde kam ein Anwalt der Wiener Botschaft und es hieß: "Familie Zirbs raus aus dem Sibirienexpress, rein in den Zug nach Österreich!"

Zunächst gab es Erleichterung, doch schon bald kam der nächste Schock: Am Grenzübergang erklärte meine Schwester Gerda plötzlich: "Papa, es tut mir leid, aber ich muss da bleiben. Hier ist meine große Liebe. Ich bin auch schon verlobt." Es war ein Schreck für alle. So ließ Vater Gerda schweren Herzens in der Tschechoslowakei zurück.

Am 28. Oktober 1948 befanden wir uns buchstäblich um fünf vor zwölf am Grenzübergang bei Lundenburg. Hinter uns gingen die Grenzbalken zu und niemand durfte mehr rein oder raus. Ein Lastwagen wartete auf uns und während wir auf Strohsäcken auf der Ladefläche in Richtung Wien rumpelten, fühlten wir uns dennoch wie im Himmel auf dem Wolkenbett. In Wien stieg ich aus und hätte am liebsten die Erde geküsst, denn unser Traum war wahr geworden - ein neuer Start in einer wundervollen Stadt. Ein Leben in Frieden.

Waltraud Steiner (Jg. 1927),

Pensionistin,

1120 Wien