"Fidelio" unter Karl Böhm bot den Rahmen für die Auftritte bei der Eröffnung des Hauses am Ring. - © ullstein bild - Imagno/Franz Hubmann
"Fidelio" unter Karl Böhm bot den Rahmen für die Auftritte bei der Eröffnung des Hauses am Ring. - © ullstein bild - Imagno/Franz Hubmann

Aus einem großen Raum der ehemaligen Linzer Landwehr-Kaserne wurde 1945 mit dünnen Zwischenwänden unsere Dreizimmerwohnung. Das Schlafzimmer der Eltern war auch Wohnzimmer. Jeden Morgen verschwand das Bett mit Bettzeug und verwandelte sich in ein breites, bequemes Sofa. Davor ein nierenförmiger Tisch und zwei Fauteuils.

Am 5. November 1955 stand unser Radioapparat auf dem Tisch, ein stoffbespanntes Holzgehäuse mit Senderskala und einem Zyklopenauge. Es wurde feierlich. Obwohl zuhause, hatten wir uns an diesem Samstagabend schön angezogen und saßen pünktlich vor dem Apparat. Das Familienoberhaupt, mein Vater, drehte an den Knöpfen. Das Zyklopenauge begann grün fluoreszierend zu leuchten, Ansagen aus dem Lautsprecher, eine Vielzahl der weltweiten Übertragungsstationen wurde aufgezählt.

Die Wiener Staatsoper war im März 1945 bei einem Fliegerangriff durch Bomben und Brand zerstört worden, ebenso der Stephansdom, gleichsam eine Apokalypse der kulturellen Wiener Identität. Erich Boltenstern und andere Architekten hatten in sieben Jahren den Wiederaufbau geleitet und mit den Baumannschaften fertiggestellt, und an diesem Abend wurde das Opernhaus mit Beethovens "Fidelio" für die Musikwelt wieder eröffnet. Mein Bruder und ich hatten noch nicht viel Sinn in der wunderbaren Macht der Musik gefunden, aber unseren Eltern war es durch ihr feierliches Gehabe gelungen, uns beide in eine würdevolle und andächtige Stimmung zu versetzen.

Ohne mit dummem Gerede zu stören, lauschten wir der Musik. Meine Mutter, sie wäre sicher gerne auf der Bühne der Staatsoper gestanden, zumindest im Chor der Gefangenen, sang leise die eine oder andere Tonfolge aus der Oper mit. Sie hatte ihre Ausbildung als Sängerin in Wien mit der Heirat, der Geburt dreier Söhne und letztendlich wegen des Krieges unterbrechen müssen. Vergleichbar dem Bühnengeschehen in "Fidelio", war sie eine Gefangene des Schicksals.

Karl Böhm, Direktor der Staatsoper, stand an diesem Abend am Dirigentenpult. In seiner Autobiographie schrieb er zu diesem Ereignis: "(. . .) ich erinnere mich noch genau: Als ich aus dem Bühnentürl trat, stand eine Menschenmenge Spalier, und die meisten Männer nahmen, ohne ein Wort zu reden, den Hut vom Kopf, als sie mich erblickten. Diese stumme Demonstration hat mich aufs Tiefste berührt."

Fritz Weilandt (Jg. 1941),

Lehrer in Pension,

1020 Wien