Der Text zu der Geschichte mit dem "Ura" und den "Uhra", die im Rahmen dieser Serie am 5. Mai 2018 auf dieser Seite erschienen ist, hat mir ein ähnliches Erlebnis in Erinnerung gerufen.

Es war im Mai 1945 in Südmähren. Meine Mutter (damals 45 Jahre alt), meine Schwester (16) und ich (9) waren in meinem Elternhaus, etwa drei Kilometer von der niederösterreichischen Grenze entfernt.

Plötzlich stand ein Russe mitten in unserer Küchentür. Von dort bewegte er sich keinen Schritt weg, ließ aber seine Augen wild rollen. Einen solchen Menschen hatten wir noch nie gesehen: ein Mongole.

Der Mann sagte nur ein Wort, das meine Mutter als "Oa" interpretierte, was in unserer Mundart einfach "Ei" bedeutete - genau so wie auch in Niederösterreich. Sofort ging meine Mutter schnellen Schrittes in das Schlafzimmer und holte unter dem Bett ein Simperl (geflochtene Form zum Brotbacken) mit Eiern hervor, das sie mit beiden Händen dem Soldaten entgegenhielt. Der nahm die schwere Last entgegen, drehte sich um und ging ruhigen Schritts davon. Er kam nie wieder.

Vielleicht hatte der russische Soldat ja auch "Ura" und nicht "Oa" gesagt, wer will das heute noch wissen. Tatsache ist aber, dass die Soldaten sowohl mit dem Ura als auch mit den Eiern zufrieden schienen.

Martha Mark (Jg. 1936),

Pensionistin,

1100 Wien