In US-amerikanischen Militärausbildungslagern erkrankten die Männer. Von dort aus ging die Influenza auf die Zivilbevölkerung über. Der australische Medizin-Nobelpreisträger Frank Macfarlane Burnet entdeckte in den 1970er Jahren, dass die Spanische Grippe mit US-Truppentransportern nach Europa gelangte. Von Anfang April 1918 sind Fälle in der französischen Hafenstadt Brest belegt, Ende April hatte die Grippewelle Paris erreicht. Im Mai 1918 meldete die britische Marine 10.000 Krankheitsfälle und konnte nicht auslaufen. Im Juni wurden aus Indien, China, Neuseeland und den Philippinen Fälle gemeldet. Da es damals noch keine Grippe-Impfungen gab, konnte sich die Spanische Grippe ungehindert zwei Mal um die Welt verbreiten.

Der Krankheitsverlauf war heftig und kurz und ging mit starkem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen einher. Den meisten Patienten ging es nach wenigen Tagen wieder besser. Zu Todesfällen kam es bei Komplikationen, etwa bei Lungenentzündung oder bakteriellen Superinfektionen. Hauptsächlich 20- bis 35-jährige Männer erkrankten.

Berühmte Opfer

"Der Stamm von 1918 wurde deswegen so virulent, weil er sowohl an den Menschen angepasst als ihm auch fremd war. Genetisch ähnelte er der Vogelgrippe, doch wie die gewöhnliche Grippe verbreitete er sich von Mensch zu Mensch", erklärt die britische Wissenschaftshistorikerin Laura Spinney, die die Pandemie in ihrem Buch "Die Welt im Fieber" analysiert. "Hinzu kamen am Ende des Ersten Weltkriegs Hunger, der die Mutation von Viren befördern kann, eine zusammengebrochene Infrastruktur und die Verhältnisse in den Schützengräben."

Eines der ersten Opfer könnte der am 6. Februar 1918 verstorbene Maler Gustav Klimt gewesen sein. Nach einem Schlaganfall kam er ins Krankenhaus, wo er sich mit einem unbekannten grippösen Lungeninfekt ansteckte. Belegt ist die Spanische Grippe bei seinem Kollegen Egon Schiele. In seinem Gemälde "Die Familie" porträtierte er seine Frau Edith und einen Buben. Die Familie sollte so nie existieren. Edith verstarb im Oktober 1918, als sie mit dem ersten Kind im sechsten Monat schwanger war, Schiele drei Tage später. Auch Sigmund Freud verlor seine Tochter Sophie an die Spanische Grippe. Einen Tod, den er später als einen "sinnlosen, brutalen Akt des Schicksals" bezeichnen sollte.

Wer am Ende des Jahres 1919 die Spanische Grippe überlebt hatte, war gegen sie immun geworden. Die Krankheit verschwand fast so plötzlich, wie sie gekommen war. Der Virenstamm vom Subtyp H1N1 existiert allerdings noch immer. Durch die Spanische Grippe konnte sich das Wildvogel-Virus nämlich im Menschen und später in Schweinen etablieren. Aus diesem Grund warnen Experten, dass eine Pandemie vom selben Ausmaß jederzeit wieder auftreten könnte. Und die Menschheit ist schlecht vorbereitet.

"Es ist nicht die Frage, ob eine nächste Pandemie kommt, sondern wann", warnt die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der Medizinischen Universität Wien. Auf welche Art und Weise und in welchem Ausmaß sie sich präsentieren wird, sei nicht vorhersehbar. An universellen Impfstoffen, die gegen alle bekannten Grippestämme wirken, wird daher mit Hochdruck geforscht. Nur wenn ein solcher gefunden wird, kann eine neue Katastrophe wie 1918 verhindert werden. Gegen ungeahnte Mutationen können aber auch sie wenig ausrichten.